Verkosten in der Region Lissabon

Rubin, Zitrone, Bernstein

Verkosten

Halt drei Gläser aus dieser Region nebeneinander gegen das Licht, und du siehst sofort, wie unterschiedlich eine einzige Küste schmecken kann. Farbe verrät schon viel. Ramisco aus Colares bleibt hell, fast durchscheinend rubinrot mit bräunlichen Reflexen. Arinto aus Bucelas leuchtet blass zitronengelb. Carcavelos dagegen glänzt bernsteinfarben bis topasfarben, fast wie Honig im Glas.

In der Nase zeigt junger Ramisco vor allem Frucht und Säure, mit einem eigentümlichen Ton nach Zedernharz und getrockneten Früchten. Nach Jahren im Fass und in der Flasche verschiebt sich das Bild komplett: Pilz, trockenes Laub, ein Hauch Leder treten hervor, während die Frucht zurücktritt. Im Mund bleibt das Tannin trotzdem streng, fast pelzig, kombiniert mit einer Säure, die man bei nur elf Volumenprozent Alkohol kaum erwartet.

Arinto riecht dagegen nach Zitrone und grünem Apfel, mit einem mineralischen Unterton, der an nasse Kieselsteine erinnert. Seine Säure sitzt seitlich an der Zunge und macht den Speichel sofort fließen. An guten Tagen schmeckt man sogar etwas Salziges heraus, ein Nachklang der Meeresnähe von Bucelas. Was dabei überrascht: Ein gut gelagerter Arinto aus Bucelas zeigt nach zehn oder gar zwanzig Jahren noch immer Frucht und Struktur, obwohl er jung so schlank und scharf wirkt.

Süße bestimmt hier nicht alles. Carcavelos duftet nach gerösteten Mandeln, Karamell und Trockenobst, manchmal nach Honig, manchmal nach Nelken. Trotz seiner Süße bleibt im Hintergrund genug Säure, um den Wein nicht klebrig wirken zu lassen, ein Gleichgewicht, das ihm sein Ruf als eleganter Süßwein verdankt. Am Gaumen hält der Geschmack lange an, oft eine halbe Minute oder länger.

Drei Weine, eine einzige Küste, kaum dreißig Kilometer zwischen ihnen. Wer Colares, Bucelas und Carcavelos nacheinander verkostet, lernt mehr über Lissabon als aus jedem Geschichtsbuch.

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