
Klein, aber stark
Gläser
Ein Madeira braucht kein großes Glas. Bei siebzehn bis zweiundzwanzig Prozent Alkohol und jahrelanger, absichtlicher Oxidation ist der Wein extrem konzentriert. Ein normales Rotweinglas würde ihn erschlagen. Ein kleiner, tulpenförmiger Kelch, kaum größer als ein Sherryglas, reicht völlig: Er bündelt den Duft, ohne die Nase mit Alkoholdampf zu überfluten.
Die Trinktemperatur folgt der Süße. Sercial und Verdelho, die trockeneren Stile, schmecken am besten leicht gekühlt, zwischen zwölf und vierzehn Grad. Das ist kälter als Rotwein und wärmer als Weißwein direkt aus dem Kühlschrank. Boal und Malvasia dürfen wärmer bleiben, um die fünfzehn bis achtzehn Grad, damit sich Karamell- und Trockenfruchtaromen öffnen. Wer einen süßen Malvasia eiskalt serviert, schmeckt am Ende nur noch Alkohol und Zucker.
Eingeschenkt wird wenig: Fünf bis sechs Zentiliter genügen, weniger als ein Drittel eines normalen Weinglases. Das liegt nicht an Geiz, sondern an der Intensität. Ein Sercial mit seiner messerscharfen Säure oder ein Malvasia mit seiner Dichte an Röstaromen wirkt in großen Schlucken schnell ermüdend. In kleinen Schlucken dagegen bleibt er über eine ganze Stunde interessant.
Und dann ist da eine Eigenschaft, die jedes Glas überflüssig erscheinen lässt, das man extra zur Aufbewahrung kauft: Ein offener Madeira verdirbt kaum. Weil die Hitze der Estufagem und die spätere Fassreifung den Wein bereits so weit oxidiert haben, wie es geht, schadet ihm ein bisschen zusätzlicher Sauerstoff nicht mehr. Das gilt im Glas genauso wie in der schon geöffneten Flasche. Wochen, manchmal Monate später schmeckt er noch fast wie am ersten Tag.