
Kälter als gedacht
Gläser
Ein Glas entscheidet, wie viel von der kühlen Frische und dem feinen Prickel eines Vinho Verde tatsächlich in der Nase ankommt. Dieser Wein ist leicht. Gerade deshalb verzeiht er ein falsches Glas weniger als ein schwerer Rotwein.
Für Alvarinho, Loureiro oder eine der klassischen Verschnitte passt ein schlankes, leicht tulpenförmiges Glas mit enger Öffnung. Ein weiter, offener Kelch lässt die Kälte schneller entweichen, und auch die feinen Kohlensäurebläschen der Agulha, dem leisen natürlichen Prickeln dieses Weins, verpuffen darin zu schnell; die enge Form dagegen hält beides zusammen und schickt Zitrus- und Orangenblütenduft konzentriert nach oben.
Bei der Temperatur darf man kälter gehen als bei fast jedem anderen Weißwein. Acht bis zehn Grad reichen für die einfachen, hochsäuerlichen Verschnitte. Ihr Alkoholgehalt liegt oft nur bei neun oder zehn Prozent, und im warmen Zimmer schmeckt das Glas binnen Minuten flach. Ein reiner Alvarinho aus Monção und Melgaço verträgt dagegen zehn bis zwölf Grad. Sein höherer Alkohol und seine reifere Frucht brauchen etwas mehr Wärme, um sich zu öffnen.
Ganz anders der rote Vinhão. In den Tascas des Minho trank man ihn traditionell gar nicht aus einem Stielglas. Man trank ihn aus einer flachen Tonschale, direkt aus dem Fass gezapft, mit Schaum obenauf. Heute kommt ein guter, in Flaschen gefüllter Vinhão in ein gewöhnliches Rotweinglas, aber kühler als andere Rotweine: zwölf bis fünfzehn Grad reichen. Sonst wirkt seine derbe Säure zusammen mit dem Tannin nur noch aggressiv.
Zuletzt die Menge: weniger einschenken, dafür öfter nachfüllen. Ein Vinho Verde erwärmt sich im Glas schneller als ein kräftiger Wein. Mit der Wärme verschwinden Frische und Prickel zuerst. Ein kleiner Schluck, frisch nachgeschenkt, bringt mehr von diesem Wein auf die Zunge als ein großes Glas, das eine halbe Stunde in der Sonne steht.