
Gneis trifft Dolomit
Böden
Grab im Mendrisiotto ein Loch in einen Rebberg, und du triffst zuerst auf dunkle, krümelige Erde, kaum tiefer als eine Handbreit. Darunter liegt heller, kalkhaltiger Lehm mit rundgeschliffenen Kieseln darin, glatt wie poliert. Ein Gletscher hat sie so geschliffen, als er vor mehr als zehntausend Jahren durchs Tal schob und seinen Schutt liegen liess. Diese Schicht heisst Moräne, und sie ist ein Grund, warum das Mendrisiotto ganz anders schmeckt als die Täler weiter nördlich. Das ist reines Gletschererbe.
Unter der Moräne kommt irgendwann der Fels selbst, und der erzählt eine viel ältere Geschichte. Es ist derselbe helle Dolomit und Kalkstein, der wenige Kilometer weiter den Monte San Giorgio aufbaut, wo Paläontologen mehr als zwanzigtausend Fossilien von Fischen und Meeresreptilien geborgen haben, zwischen etwa zweihundertdreissig und hundertachtzig Millionen Jahre alt. So lange ist es her, dass hier ein tropisches Flachmeer lag. Das Gestein unter den Reben ist also versteinertes Meer, kein Berggestein. Das erklärt den Unterschied.
Kalkstein und Dolomit halten Wasser besser als der Gneis, der weiter im Norden, im Sopraceneri, unter den Reben liegt: hartes, kristallines Gestein aus dem Grundgebirge der Alpen, arm an Kalk, dafür wasserdurchlässig. Die Wurzeln dort müssen deshalb tiefer und schneller suchen. Im Süden dagegen bleibt genug Feuchtigkeit im Lehm über dem Kalkstein, auch wenn im August wochenlang kein Regen fällt.
Das Ergebnis schmeckt man. Merlot aus dem lehmig-kalkigen Süden wirkt runder und dichter, mit mehr reifer Frucht. Merlot aus dem steinig-kristallinen Norden zeigt dagegen mehr Säure und eine hellere, straffere Note. Kein Kellermeister der Welt kann diesen Unterschied nachträglich herstellen; er steckt im Boden, lange bevor die erste Traube reif ist.
Dünne, dunkle Auflage aus verrottetem Laub und Gras zwischen den Rebzeilen. Hält kaum Wasser über den Sommer.
Die Wurzel: Hier sitzen die Feinwurzeln, die den ersten Regen nach der Trockenheit sofort aufnehmen.