
Bianco, Rosso, Riserva
Gläser
Kaum ein Kanton verlangt so viele verschiedene Gläser für eine einzige Rebsorte wie das Tessin. Merlot kommt hier hell als Merlot bianco auf den Tisch, jung und leicht als einfacher Rotwein. Oder als Riserva, die länger gereifte Ausbaustufe, dicht und holzig aus dem Barrique, dem kleinen Eichenfass. Dieselbe Traube liefert drei Weine, und jeder braucht sein eigenes Glas. Verwechseln lohnt sich nicht.
Der Merlot bianco gehört in ein schmales, hohes Weissweinglas, gekühlt auf acht bis zehn Grad. Kälter schmeckt er besser. Sein Duft ist zart, oft nach weisser Blüte und Zitrusschale. Ein zu weites Glas verteilt ihn, bevor die Nase ihn überhaupt fängt. Ein enger Kelch dagegen bündelt das Wenige, das er zu bieten hat, und schickt es geradewegs nach oben.
Der junge, unkomplizierte Merlot aus dem Sopraceneri braucht dagegen ein mittelgrosses, leicht bauchiges Glas, wie man es für einen einfachen Bordeaux nimmt, dazu passen sechzehn bis achtzehn Grad. Bei den zwanzig Grad, die viele für Zimmertemperatur halten, wirkt sein ohnehin schon sanftes Tannin schlaff, und die reife Pflaume kippt Richtung Marmelade.
Ein Riserva verlangt mehr Raum: ein grosses, hohes Glas. Es trennt die Vanille- und Röstnoten des Holzes von der dunklen Frucht, statt beides zu vermischen, und nach Jahren in der Flasche lohnt sich eine halbe Stunde in der Karaffe, weil Tannin und Frucht sich erst dann wieder finden. Eingeschenkt wird trotzdem sparsam, nur bis zur breitesten Stelle des Kelchs, denn der Rest bleibt Platz für den Duft.