
An zwei Merlots
Verkosten
Stell dir zwei Gläser nebeneinander hin, einen Merlot bianco und einen roten Merlot vom selben Gut. Schon der blosse Blick auf die beiden Gläser verrät die ganze Tessiner Weinkultur: das eine glänzt strohgelb bis fast wasserklar, das andere leuchtet rubinrot bis granatfarben, dabei stammen beide aus derselben blauschwarzen Traube.
Riech zuerst am hellen Glas. Merlot bianco duftet nach weisser Birne, ein wenig nach Zitrusschale und manchmal nach frisch geschnittenem Gras. Im Mund bleibt kaum spürbares Tannin, dafür eine straffe, fast salzige Säure. Serviert man ihn zu warm, über zehn Grad, schmeckt man von dieser Frische kaum noch etwas.
Im roten Glas dagegen kommt zuerst dunkle Pflaume, dahinter reife Kirsche. Beim Riserva kommt dazu eine Ahnung von Vanille und geröstetem Brot vom Barrique. Das Tannin ist da, aber selten hart; man spürt es als weichen, samtigen Belag am Zahnfleisch, nicht als raue Bremse, und diese Sanftheit unterscheidet den Tessiner Merlot vom französischen, dessen Tannin oft strenger wirkt. Das liegt am milderen Klima und an den insgesamt kürzeren Extraktionszeiten im Tessiner Keller.
Am Abgang zeigt sich der Boden. Ein Merlot aus dem steinigen Sopraceneri endet knackig und eher kurz, einer aus dem lehmig-kalkigen Süden zieht sich länger und wärmer hin. Wer beide Gläser nacheinander verkostet, schmeckt an einem einzigen Nachmittag fast die gesamte Bandbreite. So viel kann eine einzige Rebsorte in einem kleinen Kanton leisten.