
An einem Dorin
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Schenk einen jungen Dorin ins Glas und halte ihn gegen das Licht. Die Farbe ist blass, oft mit einem Hauch Grün, fast wie verdünnter Apfelsaft. Wer genau hinschaut, sieht am Glasrand winzige Bläschen kleben, die von der Reife auf der Feinhefe stammen. Das ist der berühmte Perlant, kein Fehler, sondern Absicht.
Der Duft verlangt Geduld. Chasselas riecht nie laut, und erst nach dem Schwenken kommen milde Noten von Apfel und Birne heraus, manchmal ein Hauch Akazienblüte. Ein junger Wein aus La Côte bleibt dabei meist stehen. Ein zehnjähriger Dézaley dagegen hat seine Fruchtnoten längst gegen Honig, Nüsse und einen rauchigen Ton getauscht, den man Firn nennt — dieselbe Traube, ein völlig anderer Duft.
Im Mund fällt zuerst das leichte Prickeln auf, dann eine saftige Säure, die den Wein trotz der zurückhaltenden Aromen nie langweilig wirken lässt. Am Ende bleibt oft ein salziger, fast steiniger Eindruck stehen, den Kenner mit dem Boden erklären. Wein von der Nagelfluh in Lavaux schmeckt straffer als einer von der Moräne in La Côte, obwohl im Keller beide Male dasselbe passiert ist.
Bei einem Servagnin oder Salvagnin ist die Reihenfolge anders. Die Farbe ist hell, fast durchscheinend wie bei jedem Pinot Noir. Im Mund merkt man sofort das schwache Tannin — ein Gefühl, kein Geschmack, ein feiner Belag am Zahnfleisch statt einer rauen Wand. Rote Kirsche und Johannisbeere tragen den Wein, nicht Kraft oder Länge.
Genau diese Typizität prüft auch die Terravin-Jury, wenn sie über den Lauriers d'Or entscheidet. Es geht nicht darum, ob ein Wein mächtig ist, sondern ob er nach dem schmeckt, was er sein soll. Bei Chasselas ist das eine der schwierigsten Übungen der ganzen Schweiz — leise Weine verzeihen keinen Fehler, weil nichts da ist, das ihn übertönen könnte.