
Veilchen & Schiefer
Verkosten
Ein Mencía verrät seine Herkunft schon in der Farbe, bevor er überhaupt gerochen wird. Kipp das Glas leicht über ein weißes Blatt Papier. Am Rand zeigt sich bei einem jungen Wein ein Schimmer, der deutlich ins Violette geht — ein Farbton, den kaum eine andere spanische Rotweinsorte so zeigt. Zur Mitte hin bleibt die Farbe dicht, aber nie so undurchsichtig wie bei einem Cabernet.
Rieche zweimal: einmal im ruhigen Glas, einmal nach dem Schwenken. Im ruhigen Glas kommt zuerst Veilchen, dazu rote Kirsche und manchmal eine reife Pflaume. Nach dem Schwenken folgt, was schwerer flüchtet: ein balsamischer Ton. Bei Weinen von den Corullón-Schieferhängen begleitet ihn oft eine fast salzige Mineralik, die Sommeliers gern auf das Gestein zurückführen, auch wenn die Wurzel keine Mineralien im eigentlichen Sinn weiterreicht.
Im Mund lohnt es, zwei Dinge getrennt zu beachten. Die Säure sitzt seitlich an der Zunge und bleibt bei Mencía auffallend frisch, selbst wenn der Sommer heiß war — ein Erbe der kühlen Nächte im Bergkessel. Das Tannin liegt als feines, nie grobes Korn über dem Gaumen und trägt den Wein, statt ihn zu beschweren.
Vergleiche, wenn möglich, zwei Flaschen nebeneinander. Ein alter Mencía von den Schieferterrassen um Corullón wirkt dichter, ernster und braucht Zeit im Glas, bis er sich öffnet. Ein junger aus dem flachen Bierzo Bajo dagegen trinkt sich leicht, fruchtig und ohne Umwege. Derselbe Rebname, aber zwei Weine, die kaum verschiedener sein könnten.
Am Ende zähl mit, wie lange der Geschmack bleibt, nachdem du geschluckt hast. Bei einem einfachen Joven sind das ein paar Sekunden. Bei einem gereiften Wein aus Corullón sind es oft zwanzig oder mehr. Diese Länge lässt sich im Keller nicht schummeln, sie kommt allein vom Schiefer und vom Alter der Reben.