
Filoxera kommt spät
Region & Geschichte
1978 fanden Archäologen in Jumilla verkohlte Kerne von Vitis vinifera, verstreut über drei Fundstellen, die weit auseinanderliegen: die kupferzeitliche Siedlung El Prado, die Nekropole El Molar und die Cueva de los Tiestos. Damit lässt sich hier Weinbau über fünftausend Jahre zurückverfolgen, älter als in fast jeder anderen Ecke Europas. Phönizische und griechische Händler kamen später dazu, aber die Reben standen schon, bevor sie die Küste erreichten.
Rom brachte dann etwas, das noch wichtiger war als die Rebe selbst: Ruhe über Jahrhunderte. Getreide, Olive und Wein bildeten die klassische Dreiheit der römischen Landwirtschaft, und mit der politischen Stabilität wuchs auch der Weinbau auf dem Altiplano spürbar. Aus dem 15. und 16. Jahrhundert sind sogar noch Reste von Pressen erhalten, und Reisende aus dem übrigen Europa berichteten schon damals von einer entwickelten Weinindustrie in dieser trockenen Gegend zwischen La Mancha und der Levante.
Der eigentliche Aufschwung kam im 19. Jahrhundert, und er kam durch fremdes Unglück. Als die Reblaus Frankreichs Weinberge vernichtete, brauchten die dortigen Händler dringend Ersatz: kräftigen, dunklen Wein zum Verschneiden ihrer eigenen, ausgedünnten Bestände. Jumilla lieferte genau das. Der sogenannte vino de doble pasta, doppelt gepresst, tiefdunkel und hochprozentig, ging in Fässern über die Grenze. Das Geld daraus finanzierte neue Weinberge und 1910 sogar eine eigene Estación Enológica zur Beratung der Winzer.
Die Reblaus selbst erreichte Jumilla erst 1911 und richtete zunächst kaum Schaden an. Der sandig-lehmige Boden ließ die Larve kaum vorankommen, und die Region blieb, während halb Europa längst auf amerikanische Unterlagsreben umgestellt hatte, bei ihren wurzelechten Stöcken. Diese Gnadenfrist hielt fast achtzig Jahre. 1961 erkannte das Landwirtschaftsministerium Jumilla offiziell als Denominación de Origen an, ein früher Zeitpunkt im spanischen Weinrecht. Dann, 1989, schlug die Laus doch noch zu und vernichtete binnen fünf Jahren rund sechzig Prozent der Rebfläche. Wer die Neupflanzung überlebte, tat es auf Unterlagsreben. Wer davor stand, wurde manchmal stehen gelassen, und genau diese alten Stöcke tragen heute die besten Weine der Region.