
Platz für Kraft
Gläser
Ein Glas für Tinta de Toro braucht vor allem eines: Platz, damit der hohe Alkohol entweichen kann. Toro-Weine erreichen oft vierzehn bis sechzehn Volumenprozent, mehr als die meisten anderen spanischen Rotweine. In einem engen Glas drängt sich dieser Alkohol direkt in die Nase, noch bevor man die Frucht riecht.
Ein weiter, hoher Kelch mit großem Bauch löst das Problem. Die große Oberfläche lässt den Alkohol schneller verdunsten, während die verengte Öffnung die schwereren Aromen von reifer schwarzer Frucht und Röstnoten trotzdem einfängt. Ein enges, kleines Glas dagegen konzentriert alles auf einmal, Alkohol und Frucht zusammen, und der Wein wirkt schärfer, als er eigentlich ist. Bei einer Sorte mit so viel Kalium und so wenig Säure wie der Tinta de Toro macht diese Balance den ganzen Unterschied.
Bei der Temperatur zählt jedes Grad. Sechzehn bis achtzehn Grad sind richtig, kühler als das, was viele für Zimmertemperatur halten. Wärmer als achtzehn Grad tritt der Alkohol so stark hervor, dass die dunkle Frucht dahinter verschwindet, und genau das passiert vielen Weinen aus Toro, wenn sie direkt aus einem warmen Wohnzimmer ins Glas kommen. Zwanzig Minuten im Kühlschrank reichen meist.
Ein junger, unkomplizierter Wein aus Toro braucht keine Karaffe. Ein gereifter Reserva von Numanthia oder Pintia dagegen profitiert deutlich von einer halben Stunde Luft. Jahre im Fass und in der Flasche verschließen das feste Tannin der Sorte vorübergehend. Solche Weine haben zudem oft Bodensatz, der nicht ins Trinkglas gehört. Eine Karaffe hält ihn zuverlässig zurück.
Eingeschenkt wird nie mehr als bis zur breitesten Stelle des Kelchs, ungefähr hundertfünfzig Milliliter bei einem üblichen Glas. Darüber bleibt Raum für die Aromen, die sich sonst gar nicht erst sammeln können. Wer randvoll eingießt, trinkt zwar denselben kräftigen Wein. Er riecht davon aber deutlich weniger.