
Form folgt Alkohol
Gläser
Ein Glas für alles gibt es in Paarl nicht. Ein altes Vorurteil hält sich trotzdem hartnäckig: Wer ein südafrikanisches Glas sucht, braucht angeblich nur ein grosses. Paarl widerlegt das mit jedem Jahrgang. Die Weine hier reichen von schlankem jungen Chenin bis zu dickem, holzgereiftem Rotwein und süssem Hanepoot, und jeder verlangt eine andere Form.
Ein alter, im Holzfass gereifter Chenin Blanc braucht Raum. Ein Glas mit weitem Bauch und leicht eingezogener Öffnung, ähnlich einem weissen Burgunderglas, lässt die Aromen von Quitte und Bienenwachs sich entfalten, ohne dass der Alkohol vorprescht. Ein zu enges Glas dagegen quetscht den Duft zusammen und lässt nur die Säure vorne herausstechen.
Bei Pinotage und den kräftigen Cabernet-Shiraz-Verschnitten von Simonsberg-Paarl braucht es das Gegenteil: einen grossen, offenen Kelch, der viel Luft an den Wein lässt. Diese Weine haben oft vierzehn Prozent Alkohol oder mehr, und ohne genug Fläche wirkt der Alkohol scharf statt warm. Bei der Trinktemperatur wird trotzdem oft übertrieben. Achtzehn Grad reichen völlig, wärmer wird nur der Alkohol lauter, nicht die Frucht.
Der süsse Hanepoot verlangt das kleinste Glas am Tisch. Ein schmaler Kelch von höchstens sechzig Millilitern konzentriert Duft und Süsse, gut gekühlt auf etwa zehn Grad serviert, sonst wirkt der Wein klebrig statt frisch. Wer ihn in ein normales Weinglas füllt, schmeckt vor allem Zucker. Wer ihn im richtigen kleinen Glas trinkt, schmeckt Rosine, Orangenschale und einen Hauch Karamell dahinter.
Zuletzt die Füllmenge, die oft falsch gemacht wird. Ein Glas wird nur bis zur breitesten Stelle gefüllt, bei einem üblichen Rotweinkelch sind das rund hundertfünfzig Milliliter, und der Rest bleibt Raum für den Duft. Bei einem kräftigen Wein aus Simonsberg-Paarl gilt das doppelt, weil sich seine Aromen erst nach einigen Minuten im Glas öffnen.