
Ein Jahr zählt
Der Jahrgang auf dem Etikett
Steht 2021 auf der Flasche, stammen dann wirklich alle Trauben aus dem Jahr 2021? Fast, aber nicht ganz: Die EU erlaubt eine kleine Toleranz. Wer versteht, wie diese Regel funktioniert, liest den Jahrgang plötzlich mit ganz anderen Augen.
Die Fünfundachtzig-Prozent-Regel
Ein Jahrgang darf auf dem Etikett stehen, wenn mindestens 85 Prozent der Trauben tatsächlich in diesem Jahr geerntet wurden. Die restlichen 15 Prozent dürfen aus einem anderen Jahr stammen, meist aus dem vorherigen, wenn ein Kellermeister eine Cuvée geschmacklich abrunden will. Das klingt nach einem Schlupfloch, ist aber praktisch. Ganz ohne diese Toleranz müsste ein Betrieb jeden einzelnen Tank streng trennen, obwohl am Ende doch alles in dieselbe Flasche fließt. Für den Trinker ändert sich dadurch praktisch nichts, weil der Geschmack fast immer vom Hauptjahrgang bestimmt bleibt.
Die Regel steht in der Delegierten Verordnung (EU) 2019/33 und gilt in der ganzen Union gleich, von Portugal bis Rumänien. Wichtig ist der Unterschied zur Rebsorte. Wird zusätzlich eine einzelne Rebsorte genannt, gilt für sie eine eigene, strengere Grenze. Beide Regeln lassen sich sogar mischen. Ein Wein kann gleichzeitig einen Jahrgang und eine Rebsorte auf dem Etikett tragen, jede mit ihrer eigenen Mindestmenge.
Warum ein Jahr überhaupt einen Unterschied macht
Reben reagieren empfindlich auf Wetter, viel empfindlicher als etwa Getreide. Ein kühler, regnerischer Sommer liefert weniger reife Trauben mit mehr Säure, ein heißer und trockener Sommer dagegen süßere Trauben mit weniger davon. Zwischen zwei Jahrgängen derselben Lage und desselben Winzers können deshalb Welten liegen, obwohl sich sonst nichts verändert hat. Genau diese Schwankung macht den Jahrgang zu einer der ehrlichsten Angaben auf dem ganzen Etikett.
Weinkenner führen deshalb sogenannte Jahrgangstabellen, kleine Übersichten, die einer Region und einem Jahr eine Qualitätsnote geben. Solche Tabellen taugen als grobe Orientierung, ersetzen aber nie die Verkostung, weil ein einzelner Winzer auch in einem schwierigen Jahr durch frühes Eingreifen gute Trauben retten kann. Der Klimawandel verschiebt die Muster zusätzlich. Regionen, die früher fast jedes Jahr kämpften, liefern inzwischen regelmäßiger reife Trauben als vor dreißig Jahren.
Wenn gar kein Jahrgang draufsteht
Manche Etiketten verzichten bewusst auf eine Jahreszahl. Gekennzeichnet wird das oft mit dem Kürzel NV für „Non Vintage“. Das ist kein Makel, sondern in bestimmten Stilen sogar die Regel. Champagner ohne Jahrgangsangabe mischt bewusst mehrere Erntejahre. So schmeckt die Flasche jedes Jahr gleich, ganz gleich, wie launisch der letzte Sommer war. Das Ziel ist ein verlässlicher Hausstil statt eines Jahresporträts, damit eine bestimmte Flasche jedes Jahr wiedererkennbar schmeckt, egal wie das Wetter im Weinberg mitgespielt hat.
Sherry geht noch einen Schritt weiter, mit dem sogenannten Solera-System, bei dem Fässer unterschiedlichen Alters schrittweise ineinander aufgefüllt werden. Ein einzelner Tropfen kann so theoretisch Anteile aus Jahrzehnten enthalten. Ein Jahrgang wäre hier technisch gar nicht mehr feststellbar. Wer also eine Flasche ohne Jahreszahl sieht, sollte das nicht als Warnsignal lesen, sondern als Hinweis auf eine ganz andere Machart.
Wie viel der Jahrgang wirklich verrät
Ein guter Jahrgang macht aus einer mittelmäßigen Lage noch keinen Spitzenwein. Umgekehrt macht ein schwacher Jahrgang aus einer Spitzenlage nicht automatisch Ausschussware. Die Jahreszahl ist ein Hinweis unter mehreren, kein Qualitätssiegel für sich allein. Wer eine Flasche kauft, tut deshalb gut daran, den Jahrgang zusammen mit Herkunft und Erzeuger zu lesen. Dem Jahrgang allein sollte man nicht vertrauen.
Bei Weinen zum Reifen zählt der Jahrgang trotzdem doppelt. Er verrät, wie lange eine Flasche schon unterwegs ist und wie viel Zeit ihr noch bleibt. Ein junger Riesling von der Mosel verträgt oft noch Jahrzehnte im Keller. Ein einfacher Alltagswein sollte dagegen innerhalb weniger Jahre getrunken werden. Der Jahrgang ist damit auch ein kleiner Wegweiser zur richtigen Lagerzeit. Er ist mehr als eine bloße Erinnerung an das Erntejahr. Wer die Jahreszahl kennt, weiß ungefähr, wie viel Geduld eine Flasche noch verdient.