
Neue Sorten entstehen
Kreuzungen, Klone und PIWIs
Nicht jede Sorte ist Jahrtausende alt. Manche wurden erst vor hundert Jahren am Reißbrett gekreuzt, andere sind nur eine besondere Spielart einer viel älteren Sorte. Diese Station erklärt den Unterschied zwischen Kreuzung, Klon und der neuen Generation pilzwiderstandsfähiger Sorten, kurz PIWI.
Eine Kreuzung ist ein neues Kind zweier Sorten
Bei einer Kreuzung überträgt ein Züchter gezielt den Pollen einer Sorte auf die Blüte einer anderen. Er hofft, die guten Eigenschaften beider Eltern in einer neuen Sorte zu vereinen. Aus tausenden Sämlingen wählt er über viele Jahre nur die wenigen aus, die wirklich etwas taugen. Oft dauert es zehn bis zwanzig Jahre, bis eine Kreuzung überhaupt zur Pflanzung freigegeben wird. Müller-Thurgau etwa züchtete Hermann Müller aus dem Kanton Thurgau bereits 1882 in Geisenheim. Bis eine solche Kreuzung überhaupt einen eigenen Namen bekommt, prüfen Züchter oft an mehreren Standorten gleichzeitig, wie sie mit unterschiedlichen Böden und Wetterlagen zurechtkommt.
Lange galt Müller-Thurgau als Kreuzung aus Riesling und Silvaner. Das war ein hübscher Gedanke. Eine DNA-Analyse stellte ihn später als falsch heraus. Der zweite Elternteil war in Wahrheit eine unscheinbare Sorte namens Madeleine Royale. Ähnlich lief es bei Kerner. August Herold kreuzte ihn 1929 in Weinsberg aus Trollinger und Riesling und benannte ihn nach dem Dichter Justinus Kerner. Georg Scheu wiederum schuf in Alzey die nach ihm benannte Scheurebe. Welche zweite Sorte tatsächlich mit Riesling gekreuzt wurde, blieb selbst Fachleuten lange ein Rätsel. Solche nachträglichen Korrekturen an der Familiengeschichte einer Sorte sind in der Rebenzüchtung erstaunlich häufig, weil die frühen Züchter oft nur nach äußeren Merkmalen rieten, nicht nach Genen.
Ein Klon ist dieselbe Sorte, neu ausgelesen
Ein Klon ist dagegen keine neue Sorte. Er ist nur eine besonders auffällige Variante einer bestehenden Sorte. Über Jahrhunderte verändern sich einzelne Reben durch zufällige Mutationen an einzelnen Knospen. Das betrifft etwa Beerengröße, Traubenform oder Reifezeitpunkt. Baumschulen vermehren solche auffälligen Einzelstöcke gezielt weiter. Sie geben ihnen dabei eine eigene Klonnummer. Genau dieselbe Art von zufälliger Veränderung sorgt gelegentlich sogar dafür, dass aus einer roten Sorte über eine einzelne mutierte Rebe eine helle, fast weiße Variante entsteht.
Bei Spätburgunder, dem deutschen Namen für Pinot Noir, sind mehrere hundert solcher Klone offiziell registriert. Manche eignen sich für lockerbeerige Trauben mit weniger Fäulnisrisiko. Andere liefern besonders intensive Aromen. Ein Klon bleibt trotzdem genetisch dieselbe Sorte, nur eine ausgelesene Spielart davon. Wer also von „Klon 115“ liest, hält immer noch echten Spätburgunder in der Hand. Es ist nur eine sorgfältig ausgewählte Version davon. Weinbauinstitute pflegen deshalb eigene Rebschulen, in denen hunderte solcher Klone unter identischen Bedingungen wachsen, damit sich ihre Unterschiede überhaupt fair vergleichen lassen.
PIWI: Widerstandskraft aus der Wildrebe
PIWI steht für pilzwiderstandsfähige Rebsorte. Gezüchtet wird sie, indem man Vitis vinifera mit wilden amerikanischen oder asiatischen Rebenarten kreuzt. Diese Wildreben sind von Natur aus gegen die zwei größten Pilzfeinde des Weinbaus weitgehend immun: Echten und Falschen Mehltau. Über mehrere Kreuzungsrunden verfeinern Züchter danach gezielt den Geschmack. Am Ende soll er sich kaum noch von klassischem Wein unterscheiden. Solche Wildreben brachten über Jahrmillionen eigene Abwehrstoffe gegen Pilzsporen hervor, die es in der empfindlicheren europäischen Rebe von Natur aus schlicht nicht gibt.
Der Effekt im Weinberg ist beachtlich. Studien zeigen eine Einsparung beim Pflanzenschutz von bis zu achtzig Prozent. Aus rund zwölf Spritzungen pro Jahr bei klassischen Sorten werden teils nur noch zwei bei PIWIs. Bekannte Beispiele sind Regent, eine der ersten breit gepflanzten deutschen PIWI-Rotweinsorten. Dazu kommen neuere weiße Züchtungen wie Souvignier Gris. In Frankreich und Deutschland wachsen solche neuen PIWI-Sorten inzwischen auf tausenden Hektar, auch wenn ihr Anteil an der gesamten Rebfläche insgesamt noch immer klein bleibt.
Warum PIWIs jetzt an Bedeutung gewinnen
Weniger Spritzungen bedeuten weniger Diesel im Weinberg. Sie bedeuten weniger Zeit auf dem Traktor. Und sie bedeuten weniger Kupfer- und Pflanzenschutzmittelreste im Boden. Dieses Argument gewinnt mit dem Klimawandel an Gewicht, weil feuchtere Sommer Pilzkrankheiten begünstigen. Ökologisch wirtschaftende Betriebe greifen deshalb besonders häufig zu PIWIs. Manche Winzerverbände fördern die Umstellung auf PIWIs deshalb inzwischen sogar finanziell, weil sie einen echten Beitrag zum Schutz von Böden und Grundwasser leisten können.
Der Ruf hinkt der Qualität allerdings noch hinterher. Viele Weintrinker verbinden PIWI-Sorten noch mit einfachen Massenweinen der ersten Zuchtgeneration. Neuere Sorten widerlegen dieses Bild zunehmend. Ihr Anteil an der weltweiten Rebfläche wächst langsam, aber stetig. Wie stark eine Sorte am Ende überhaupt reift und schmeckt, hängt jedoch immer auch von ihrer Herkunft ab. Das ist das Thema der nächsten beiden Stationen. Blindverkostungen der letzten Jahre zeigten wiederholt, dass selbst geübte Verkoster gute PIWI-Weine nicht mehr zuverlässig von klassischen Sorten unterscheiden konnten.