
Notizen, die bleiben
Weinsprache
Ein Eindruck, der nicht in Worte gefasst wird, verschwindet meist noch am selben Abend. Eine kurze, geordnete Verkostungsnotiz hält fest, was Auge, Nase und Mund gerade gemeldet haben, und macht diesen einen Moment später wieder auffindbar.
Warum Worte überhaupt zählen
Ein Wein, den man nur als lecker oder komisch abspeichert, lässt sich später kaum wiedererkennen und mit einem anderen vergleichen. Wer dagegen aufschreibt, woran ihn ein bestimmter Duft erinnert hat, etwa an reife Kirsche oder an nasses Laub, baut sich über die Zeit eine persönliche Bibliothek auf. Genau das sind Vergleichspunkte fürs nächste Glas. Beim nächsten ähnlichen Wein taucht die Erinnerung dann viel schneller wieder auf.
Notizen helfen außerdem beim Reden über Wein. Zwei Menschen, die beide nur „gut“ sagen, wissen am Ende nicht, ob sie dasselbe meinen. Wer dagegen von einer feinen Säure, einem mittleren Körper und einem kurzen, sauberen Abgang spricht, gibt seinem Gegenüber etwas Konkretes an die Hand. Das lässt sich mit dem eigenen Eindruck abgleichen.
Der Aufbau einer Notiz
Die meisten Verkostungsnotizen folgen derselben Reihenfolge wie die Verkostung selbst. Zuerst das Aussehen, dann die Nase, dann der Mund und zum Schluss ein kurzes Fazit. Beim Aussehen reichen wenige Wörter zu Farbe, Klarheit und, bei Schaumwein, zur Perlage. Bei der Nase lohnt sich eine Notiz zur Intensität, schwach, deutlich oder ausgeprägt, bevor überhaupt einzelne Aromen benannt werden. Die Stärke eines Duftes verrät oft mehr über die Konzentration eines Weins als jede genaue Aromenliste.
Der Mundteil hält Süße, Säure, Tannin, Körper und Abgang fest, möglichst in dieser Reihenfolge. Sie entspricht ungefähr dem, was der Gaumen tatsächlich nacheinander wahrnimmt. Das Fazit fasst am Ende zusammen, ob der Wein in sich stimmig wirkt und wie er im Vergleich zu ähnlichen Weinen dasteht. Zwei oder drei Sätze reichen dafür, nicht ein einziges Wort.
Wortfelder statt Zufallsbegriffe
Anstatt bei jedem Wein von null anzufangen, hilft es, Aromen in feste Gruppen zu sortieren: Frucht, Blüten, Kräuter und Gemüse, Gewürze, Erde und Mineralik sowie Holz- und Röstnoten aus dem Fassausbau. Innerhalb jeder Gruppe wird dann genauer unterschieden, etwa zwischen Stein-, Kern- und Beerenobst bei der Fruchtnote, oder zwischen frischen und getrockneten Kräutern.
Diese Ordnung nach Familien, wie sie viele Aromaräder vorgeben, beschleunigt das Formulieren erheblich. Statt lange nach einem einzelnen Wort zu suchen, wandert man gedanklich erst zur passenden Gruppe und findet darin fast automatisch den treffenderen Begriff. Mit der Zeit wird aus diesem Umweg eine Abkürzung, die kaum noch bewusst abläuft.
Eigene Worte sind erlaubt
Fachbegriffe sind eine Brücke zu anderen Menschen, aber keine Pflicht für die eigene Notiz. Wer beim Riechen eher an das Gewürzregal der Großmutter denkt als an eine botanische Bezeichnung, darf genau das aufschreiben. Wichtig ist nur, dass man später selbst wieder versteht, was gemeint war, und dass man dieselben Wörter beim nächsten Mal für denselben Eindruck benutzt.
Wer seine Notizen dagegen mit anderen teilt, im Laden, im Forum oder am Tisch mit Freunden, kommt mit den gängigen Begriffen aus den Wortfeldern weiter. Sie meinen über einzelne Personen hinweg dasselbe. Beide Wege schließen sich nicht aus, die eigene, private Sprache für das Gedächtnis und die gemeinsame Sprache für das Gespräch.
Ein Foto neben jede Notiz
Wer viele Weine notiert, verwechselt nach ein paar Wochen leicht, zu welcher Notiz welche Flasche gehörte. Ein Foto vom Etikett direkt neben dem eigenen Text schafft hier Klarheit, ganz ohne den Namen des Weins fehlerfrei abschreiben zu müssen. Wichtiger als eine hübsche Formulierung ist ohnehin, dass sich Notiz und Flasche später zweifelsfrei wieder zusammenfinden.
Ein kurzes Datum und der Anlass, an dem der Wein getrunken wurde, runden eine Notiz sinnvoll ab. Monate später erinnert man sich oft eher an den Abend selbst, an ein bestimmtes Essen oder eine Feier, als an den Namen auf dem Etikett, und genau dieser Anker holt die passende Erinnerung an den Wein am zuverlässigsten zurück.