
Kirsche & Garrigue
Verkosten
Halte ein Glas Pinot Noir aus den Santa Lucia Highlands gegen ein weißes Blatt Papier. Die Farbe ist blass, fast durchscheinend am Rand — helles Kirschrot statt tiefem Purpur. Das liegt an der dünnen Schale der Traube, die kaum Farbstoff hergibt, ganz gleich, wie reif sie wird.
In der Nase kommen zuerst rote Kirsche und Cranberry. Dahinter liegt oft eine salzige, fast maritime Note, die viele Verkoster auf die Nähe zur Monterey Bay zurückführen, während vom Fass manchmal ein Hauch Nelke oder Sandelholz dazukommt, aber die Frucht bleibt vorn.
Im Mund zieht die Säure kräftig an den Wangen, ein Erbe der kühlen Nächte über dem Salinas-Tal. Das Tannin bleibt dabei vergleichsweise sanft. Der Abgang, also wie lange der Geschmack nach dem Schlucken anhält, ist bei guten Beispielen erstaunlich lang für einen so hellen Wein.
Ein GSM aus Paso Robles gehört ins andere Extrem. Schon die Farbe verrät es: dunkles, fast blickdichtes Purpur bis zum Glasrand. In der Nase dominiert reife Brombeere, dazu schwarzer Pfeffer von der Syrah-Komponente und ein trockener, kräuteriger Ton. Kenner vergleichen ihn mit der französischen Garrigue. Das ist jenes duftende Buschland rund um den südlichen Rhône, dem der Kalkboden von Paso Robles erstaunlich ähnelt.
Am Gaumen kommt zuerst Wärme, denn diese Weine liegen oft bei vierzehn bis fünfzehn Prozent Alkohol, gefolgt von reifem, griffigem Tannin und viel dunkler Frucht. Wo der Pinot Noir mit Frische punktet, punktet der Paso-Verschnitt mit Kraft. Zwei Verkostungsnotizen, die kaum unterschiedlicher sein könnten, obwohl beide Weine aus derselben Region stammen.