
Weite Kelche, kühl
Gläser
Ein Oregon-Pinot-Noir braucht Platz, bevor er irgendetwas verrät. Seine Farbe ist hell, fast durchscheinend. Seine Aromen – Kirsche, nasses Laub, manchmal ein Hauch Rauch vom Waldboden – liegen tief unter der Oberfläche, bis genug Luft dazukommt. Deshalb bekommt er im Willamette Valley fast überall dasselbe Glas: eine große, bauchige Schale, die sich nach oben hin verengt.
Die weite Schale tut zweierlei. Sie gibt dem Wein Fläche, damit Alkohol und die feinen Duftstoffe verdunsten können, und sammelt diese Duftstoffe gleichzeitig in der Verengung nach oben, statt sie einfach verfliegen zu lassen. Bei einem kräftigeren Wein aus wärmerem Klima würde dieselbe Form die Säure zu stark betonen. Bei einem kühlen, hellen Oregon-Pinot bringt sie stattdessen genau die Frische zur Geltung, die diese Weine auszeichnet.
Serviert wird er kühler, als viele erwarten. Zwischen dreizehn und fünfzehn Grad, deutlich kälter als Zimmertemperatur und nur wenig wärmer als ein Weißwein. Zu warm serviert, verliert ein Oregon-Pinot genau jene Frische, die ihn vom wärmeren Pinot Noir Kaliforniens unterscheidet, und die feinen erdigen Noten kippen schnell ins Alkoholische.
Pinot Gris bekommt das Gegenteil. Er kommt in ein schmaleres, kleineres Glas. Das hält die Temperatur und bündelt die Frucht, damit die Birnen- und Zitrusaromen nicht in einer zu großen Schale verloren gehen. Wer bei einer Verkostung Weine von Jory- und Willakenzie-Böden nebeneinander stellt, schenkt trotzdem beide in dasselbe weite Glas. Nur so lassen sich die rundere Kirschnote des einen und die straffere, salzige Kante des anderen im direkten Vergleich überhaupt bemerken.