
Wurzel gegen Frucht
Brandstil
Was ist ein Enzianbrand, und worin unterscheidet er sich von Obstbrand und Kräuterlikör? Er stammt aus der vergorenen Wurzel statt aus Obst, schmeckt erdig, würzig und herb, und endet mit einer feinen Süße im Nachhall. Der Bayerische Gebirgsenzian aus Berchtesgaden und vom Schliersee ist das Leitbeispiel, farblos und trocken.
Zum Obstbrand ist der Abstand groß. Wo Kirschwasser nach Frucht duftet, riecht Enzian nach Wurzelkeller und Bergwiese. Zucker und Fruchtsäure fehlen, dafür trägt die Bitterkeit den Brand. Wer Obstbrände kennt, wird sich an die herbe Seite erst gewöhnen müssen.
Auch die Nachbarn aus dem Bayerischen Wald gehören nicht in dieselbe Schublade. Blutwurz und Bärwurz werden aus Wurzeln oder Kräutern angesetzt und gelten als Kräuterspirituosen, nicht als Brände. Wo Enzian steht, steckt vergorene Enzianwurzel im Destillat. Auch ein Enzianlikör oder ein Aperitif wie Suze, der Enzian nur in Alkohol einlegt, ist kein Enzianbrand.
Der zweite Leitstil der Region ist der Obstler. Er wird aus mindestens 85 % Äpfeln und Birnen gebrannt, schmeckt nach reifem Kernobst, sauber und rund. In Oberbayern gehört er zur Alm- und Wirtshauskultur. Ein regional geschützter Name wie der Fränkische Obstler existiert für Oberbayern nicht, der Obstler heißt hier schlicht so, wie er gebrannt wird.
Der Unterschied zwischen beiden liegt im Charakter. Der Enzian fordert Aufmerksamkeit und bleibt lange am Gaumen, sein Bitterton lässt sich nicht überhören. Der Obstler ist der freundlichere Brand, der Frucht und Wärme verbindet und leicht zugänglich ist. In einer Region, in der Wurzel und Streuobst nebeneinander wachsen, ergänzen sie sich, ohne einander zu ersetzen: Der eine kommt vom steilen Berg, der andere von der Wiese darunter.
Bayerischer GebirgsenzianWurzelbrand · Wurzel des Gelben Enzians
- Alkohol
- 37,5–40 % vol
- Reife
- 0–2 Jahre
Farblos, erdig und herb, mit feiner Süße im Nachhall und trockener Bitterkeit.