
Ballon oder Fass
Reifung & Lagerung
Reifen muss Grappa gar nicht, denn die EU-Verordnung schreibt für Tresterbrand keine Reifezeit vor. Viele ruhen nur eine Weile in Edelstahl oder Glas und kommen farblos in die Flasche. Was in dieser Zeit passiert, ist eher Abrundung als Umbau: Ecken schleifen sich ab, Alkohol und Aromen verbinden sich, flüchtige Noten ziehen sich zurück. Deshalb schmeckt eine ruhig gelagerte Grappa weicher als ein frisch gebrannter Brand, auch wenn sie im Glas noch immer wasserklar ist.
Anders ist es bei den Altersangaben. Trägt eine Grappa den Zusatz vecchia oder invecchiata, hat sie nach dem italienischen Dekret von 2016 mindestens ein Jahr im Holz gelegen; bei riserva oder stravecchia sind es anderthalb Jahre, jeweils unter Zollverschluss.
Zu den Häusern, die auch gereifte Grappe anbieten, gehört Marzadro, das nach eigenen Angaben mit Lagerung in verschiedenen Hölzern arbeitet. Das Holz färbt den Brand bernsteinfarben, nimmt ihm Schärfe und bringt Vanille- und Röstnoten mit.
Kirsch Trentino, Williams trentino und Aprikot trentino liegen dagegen meist farblos im Glasballon oder in Edelstahl, denn sie sollen nach Frucht riechen und nicht nach Fass. Dort ruhen sie, bis Schärfen verschwunden sind und die Frucht klar durchkommt. Bei Obstbränden dürfen auch Eiche, Esche oder Akazie zum Zug kommen; ein kurzer Aufenthalt gibt ihnen nur einen Hauch von Farbe und Würze.
Gefärbt werden darf ein Obstbrand nicht. Nur wer mindestens ein Jahr im Holz gelagert hat, darf mit Zuckerkulör die Farbe angleichen. Die Ballons stehen am liebsten im kühlen, dunklen Keller.
Die EU-Verordnung nennt für Genziana, Distillato di mele und Sliwovitz keine Mindestlagerzeit; steht dennoch eine Altersangabe auf dem Etikett, muss sie sich auf den jüngsten Bestandteil beziehen. Wer Altersangaben vergleicht, sollte auf den Zusatz achten, nicht auf Fantasienamen.