
Tasse mit Schuss
Caffè corretto, Rüdesheimer Kaffee, Kafi Luz: Brand im Kaffee
Brand im Kaffee hat in vielen Ländern einen eigenen Namen: In Italien kommt Grappa in den Caffè corretto, in Rüdesheim flambierter Weinbrand in den Rüdesheimer Kaffee, in der Innerschweiz Träsch in den Kafi Luz. Pharisäer und Irish Coffee gehören nicht dazu, sie enthalten Rum und Whiskey.
Caffè corretto: der korrigierte Espresso
Corretto heißt korrigiert. Gemeint ist ein Espresso, dem an der Bar ein kleiner Schuss Spirituose beigegeben wird, im Norden Italiens meist Grappa. Manche Bars servieren den Brand direkt in der Tasse, andere daneben im Gläschen, damit jeder selbst dosiert. Statt Grappa ist auch Sambuca verbreitet. Der ist allerdings ein süßer Anislikör und kein Brand, der Kaffee schmeckt damit ganz anders. Wer bewusst Brand will, bestellt ausdrücklich einen Corretto alla grappa.
Im Nordosten Italiens gibt es eine Variante des Brauchs, den Resentin, wörtlich etwa das Ausspülen. Nach dem Espresso kommt ein Schluck Grappa in die noch warme Tasse, wird geschwenkt und mit dem Rest von Kaffee und Zucker getrunken. Für beide Bräuche genügt eine junge, klare Grappa. Eine lange im Holz gereifte Riserva mit ihren Vanille- und Holznoten trinkt man besser für sich, denn neben dem Röstaroma des Espressos gehen ihre Feinheiten verloren.
Rüdesheimer Kaffee: Weinbrand, Feuer und Sahne
Der bekannteste deutsche Kaffee mit Brand ist eine Erfindung der Werbung. 1957 entwickelte der Fernsehkoch Hans Karl Adam im Auftrag von Asbach eine Kaffeespezialität mit Asbach Uralt. Das Unternehmen sitzt in Rüdesheim am Rhein, wo Hugo Asbach 1892 seine Brennerei gründete. Asbach prägte auch das Wort Weinbrand, das 1907 als Warenzeichen eingetragen wurde und seit 1923 die Gattungsbezeichnung für deutschen Brand aus Wein ist, nachdem der Versailler Vertrag „Cognac“ Frankreich vorbehalten hatte.
In der typischen Porzellantasse werden Würfelzucker und Weinbrand flambiert, bis der Zucker schmilzt. Danach kommt heißer Kaffee hinein, obenauf Sahne mit Vanillezucker und Schokoraspel. Ein Teil des Alkohols verbrennt dabei, der größere bleibt im Getränk. Wichtig für die Einordnung: Ein „Rüdesheimer Weinbrand“ als geschützte Herkunftsangabe gibt es nicht. Geschützt sind in Deutschland „Deutscher Weinbrand“ und „Pfälzer Weinbrand“. Der Rüdesheimer Kaffee ist ein Rezept, kein Herkunftsprodukt.
Kafi Luz, Kaffee fertig, Café-calva und Carajillo
In der Innerschweiz ist Kaffee mit Brand ein Alltagsgetränk der Bauernstuben und Skihütten. Der Kafi fertig, in Luzern Kafi Luz genannt, wird im Glas serviert: Würfelzucker, dünner Kaffee und ein guter Schuss Brand. Traditionell nimmt man Träsch, einen Brand aus Birnen und Äpfeln, oder Zwetschgenwasser, seltener Kirsch. Eine alte Faustregel besagt, man gieße so viel Kaffee darauf, dass der Zucker verschwindet, und dann so viel Brand, bis man ihn wieder sieht.
Andere Regionen trinken ihren Brand neben der Tasse. In der Normandie heißt das Café-calva: Ein Glas Calvados begleitet den Kaffee nach dem Essen oder wird hineingegossen. In Spanien ist der Carajillo verbreitet, ein Espresso mit Brandy, je nach Gegend auch mit Rum oder Likör. Gemeinsam ist allen, dass ein klarer oder gereifter Brand der Region den Kaffee ergänzt, keine ausgefeilte Mixtur. Mit Cocktails im heutigen Sinn haben diese Bräuche wenig zu tun.
Pharisäer und Irish Coffee: andere Spirituosen im Kaffee
Zwei bekannte Kaffeegetränke enthalten gar keinen Brand. Der Pharisäer stammt von der nordfriesischen Halbinsel Nordstrand. Der Legende nach versteckten Bauern dort 1872 bei einer Tauffeier den Rum unter einer Sahnehaube vor ihrem strengen Pastor, der sie, als er den Schwindel bemerkte, Pharisäer nannte. Rum ist ein Destillat aus Zuckerrohr oder Melasse. Der Irish Coffee enthält irischen Whiskey, also ein Destillat aus Gerstenmalz und anderem Getreide, das in Eiche reift.
Für alle Varianten gilt ein Punkt, der oft falsch verstanden wird: Kaffee macht nicht nüchtern. Koffein kann die Müdigkeit überdecken, die Alkohol mit sich bringt, am Blutalkohol ändert es nichts. Wer sich nach einem Rüdesheimer Kaffee wacher fühlt, ist es nur gefühlt. Wer fahren muss, verzichtet deshalb auf den Schuss und bestellt den Kaffee pur. Den Duft eines guten Brands neben der Tasse kann man trotzdem genießen, ganz ohne zu trinken.