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  7. Kapitel 7 von 10
Die Reblaus und der Brand: Cognac 1875, Wachau 1890

Krise und Neuanfang

Die Reblaus und der Brand: Cognac 1875, Wachau 1890

Die Reblaus, ein aus Nordamerika eingeschlepptes Insekt an den Rebwurzeln, erreichte um 1875 die Charente. Bis etwa 1893 schrumpfte die Rebfläche dort von 280 000 auf 40 600 Hektar. Die Krise veränderte Rebsorten, Brände und sogar Obstlandschaften wie die Wachau.

Was macht die Reblaus mit den Reben?

Ihr Schaden beginnt unsichtbar unter der Erde. Die Reblaus, ein winziges Insekt, saugt an den Wurzeln der Weinrebe. An europäischen Reben entstehen dabei Wucherungen und Wunden, über die Fäulnis eindringt; die Wurzeln sterben ab, und der Rebstock geht nach einigen Jahren ein. Amerikanische Wildreben sind dagegen widerstandsfähiger, weil sie sich in ihrer Heimat mit dem Schädling entwickelt haben.

Im 19. Jahrhundert gelangte die Laus mit Pflanzenmaterial aus Amerika nach Europa und breitete sich von Weinberg zu Weinberg aus. Durchgesetzt hat sich am Ende das Pfropfen: Europäische Edelreiser werden auf amerikanische Unterlagen gesetzt, also auf Wurzelstöcke, die der Reblaus standhalten. Die Traube bleibt europäisch, die Wurzel ist amerikanisch. So wachsen bis heute die meisten Reben in Europa.

Für Brände aus Obst war die Reblaus kein direktes Problem, denn sie befällt nur Weinreben. Kirschen, Zwetschgen, Äpfel und Birnen blieben verschont. Gerade deshalb konnte Obst dort, wo der Weinbau zusammenbrach, an seine Stelle treten. Für Cognac, Armagnac und alle anderen Weindestillate dagegen fehlte der Rohstoff, bis die Weinberge mit gepfropften Reben neu angelegt waren, und das dauerte Jahre.

Cognac nach der Reblaus: von der Folle blanche zur Ugni blanc

Für den Cognac war die Reblaus ein tiefer Einschnitt. Laut Lastenheft der Appellation kam sie um 1875 in die Charente; um 1893 waren von 280 000 Hektar Reben noch 40 600 übrig. Mit dem Wein fehlte über Jahre der Rohstoff für den Brand. Die Brennblasen standen nicht still, weil niemand brennen wollte, sondern weil es nichts mehr zu brennen gab.

Beim Neuaufbau änderte sich auch die Rebsorte. Vor der Reblaus war die Folle blanche die wichtigste Traube der Region. Nach Darstellung von Branchenportalen ist sie anfällig für Fäulnis, weil ihre Beeren dicht an dicht hängen, und ließ sich schlechter auf amerikanische Unterlagen pfropfen. Die Ugni blanc, in Italien als Trebbiano toscano bekannt, kam damit besser zurecht.

Heute stehen auf über 98 % der 87 648 Hektar Cognac-Reben Ugni blanc, so der Branchenverband 2026. Die Sorte liefert einen säurereichen, alkoholarmen Wein, der als Trinkwein wenig hergibt, sich aber gut zum Brennen eignet. Dass Cognac heute fast eine Ein-Sorten-Spirituose ist, hat seine Wurzel in der Reblauskrise.

Armagnac: eine Rebsorte aus der Not

Im Armagnac suchte man ebenfalls nach Reben, die mit der neuen Lage zurechtkamen. 1898 züchtete François Baco den Baco blanc, auch Baco 22A genannt. Er ist eine Hybride, also eine Kreuzung zwischen europäischer Rebe und amerikanischen Rebarten. Solche Kreuzungen sollten robuster gegen Schädlinge und Krankheiten sein, ohne den Charakter des Weins ganz zu verlieren.

In vielen Weinbaugebieten sind Hybridreben für Qualitätswein nicht zugelassen. Im Armagnac gehört Baco blanc dagegen zu den zehn erlaubten Rebsorten der Appellation, im Cognac fehlt er auf der Liste. Diese kleine Regel zeigt, wie unterschiedlich die beiden Nachbarn auf dieselbe Krise reagiert haben.

Wachau: Marillen, wo Reben fehlten

Die Reblaus traf auch Österreich. In der Wachau, dem Donautal zwischen Melk und Krems, sind Marillenbäume seit 1509 belegt. Um 1890, nach den Schäden durch die Reblaus, wurde der Anbau stark ausgeweitet. Wo Reben fehlten, setzten Bauern auf Marillen, wie die Aprikose in Österreich heißt. Aus einer Krise im Weinbau wurde so eine Obstlandschaft, die heute weit über das Tal hinaus bekannt ist.

Aus dieser Entwicklung stammt eine der bekanntesten Herkunftsangaben für Brand in Österreich. Der „Wachauer Marillenbrand“ ist seit dem EU-Beitritt Österreichs 1995 als geografische Angabe geschützt. Er stammt aus 21 Gemeinden, wird nur in einfachen Brenngeräten und nie kontinuierlich gebrannt und hat mindestens 38 % vol. Die Frucht selbst ist seit 1996 als „Wachauer Marille“ mit geschützter Ursprungsbezeichnung eingetragen. Brand und Frucht sind also zwei verschiedene Schutzrechte, und der „Wachauer Marillenlikör“ ist wieder etwas anderes: ein Likör, kein Brand.

Kurz unterschieden

Folle blanche
Alte Hauptsorte der Charente vor der Reblaus; heute selten, im Cognac und im Armagnac weiter zugelassen.
Ugni blanc
Seit dem Neuaufbau Hauptsorte im Cognac, über 98 % der Fläche; liefert säurereichen, alkoholarmen Brennwein.
Baco blanc
Hybridrebe von 1898 aus der Reblauszeit; im Armagnac zugelassen, im Cognac nicht.
Wachauer Marillenbrand
Geschützter Obstbrand aus 21 Wachauer Gemeinden, nicht kontinuierlich gebrannt; die Frucht hat eine eigene g.U.

Dazu im Lexikon

Cognac und Armagnac im LexikonCalvados: Brand aus Cidre statt Wein
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