
Prozent und Pflicht
Alkoholgehalt
37,5 Prozent, 40 Prozent oder 57 Prozent – die Zahl auf dem Etikett ist keine Geschmacksfrage, sondern eine gesetzliche Untergrenze. Wer die Mindeststärken kennt, liest ein Ginetikett mit anderen Augen.
Die gesetzliche Mindeststärke für Gin
In der EU muss Gin mindestens 37,5 Prozent Vol. Alkohol enthalten. Sonst darf die Flasche gar nicht Gin heißen. Diese Zahl ist keine Empfehlung, sondern eine feste Untergrenze aus der EU-Spirituosenverordnung. Nach unten gibt es also keinen Spielraum, wohl aber nach oben: Viele Gins liegen bei 40 bis 47 Prozent, manche deutlich darüber. Die genaue Wahl bleibt der Brennerei überlassen, solange die Untergrenze eingehalten wird.
In den USA gilt eine andere Untergrenze. Dort verlangt das Recht mindestens 40 Prozent Vol., ohne Ausnahme. Ein Gin, der in Europa mit 37,5 Prozent legal verkauft werden dürfte, müsste für den US-Markt also stärker gemacht werden, um dort überhaupt als Gin zu gelten. Hersteller, die in beide Märkte liefern, brauchen deshalb oft zwei leicht unterschiedliche Rezepturen.
Navy Strength: die Marine-Tradition hinter der hohen Zahl
Steht Navy Strength auf dem Etikett, bedeutet das meist einen Alkoholgehalt von rund 57 Prozent Vol. Der Begriff stammt aus der Zeit der britischen Marine. Schießpulver sollte sich angeblich noch entzünden lassen, selbst wenn Rum oder Gin darüber verschüttet wurde. Das war ein einfacher Test, ob die Spirituose stark genug und nicht heimlich gestreckt war, lange bevor es genaue Messgeräte gab.
Rechtlich geschützt ist der Begriff Navy Strength allerdings nicht. Jeder Hersteller darf ihn verwenden, solange die Stärke ungefähr passt. Trotzdem hat sich 57 Prozent als informeller Standard durchgesetzt. Er kommt der historischen Schießpulverprobe am nächsten und signalisiert Kennern sofort, dass ein kräftigerer Gin in der Flasche steckt, der auch in Cocktails deutlich präsenter schmeckt.
Wie die Prozentzahl auf dem Etikett stehen muss
Jede Spirituose muss ihren Alkoholgehalt in Volumenprozent angeben, üblich als Vol. oder % vol. abgekürzt. Diese Zahl steht meist direkt neben der Füllmenge. Die EU erlaubt dabei eine kleine Toleranz von der angegebenen Zahl nach oben und unten, damit Messungenauigkeiten beim Abfüllen nicht automatisch zu falschen Etiketten führen und jede Charge neu geprüft werden müsste.
Für Käufer lohnt sich der Blick auf diese Zahl aus zwei Gründen. Sie bestimmt, wie stark ein Drink am Ende schmeckt. Und sie beeinflusst den Preis, weil Alkohol in vielen Ländern nach Volumenprozent besteuert wird. Ein höherprozentiger Gin kostet deshalb fast immer spürbar mehr als ein Gin nahe der gesetzlichen Mindeststärke, selbst bei ansonsten ähnlicher Ausstattung der Flasche.
Warum die Stärke auch den Geschmack verändert
Alkohol trägt Aromen. Je mehr Vol.-% ein Gin hat, desto intensiver treten ätherische Öle aus Wacholder und anderen Botanicals hervor. Gleichzeitig wirkt der Brand aber auch schärfer im Mund. Destillerien wählen die Stärke deshalb bewusst passend zum Rezept und begnügen sich selten mit der gesetzlichen Grenze, weil zu wenig Alkohol die feineren Aromen schlicht nicht trägt.
Wer einen ersten Eindruck von einem neuen Gin gewinnen will, kann sich an der Prozentzahl orientieren. Werte nahe 37,5 bis 40 Prozent schmecken oft zugänglicher. Navy-Strength-Abfüllungen wirken dagegen eher intensiv und sind für erfahrene Trinker gedacht. Die Zahl auf dem Etikett ist damit ein kleiner, verlässlicher Hinweis auf den Charakter der Flasche, noch bevor der erste Schluck fällt.
Die Prozentzahl hat auch eine steuerliche Seite. In Deutschland wird reiner Alkohol mit der Branntweinsteuer belegt, unabhängig vom Markennamen. Ein Gin mit 57 Prozent Vol. trägt deshalb pro Flasche spürbar mehr Steuer als ein Gin mit 37,5 Prozent, selbst bei gleicher Füllmenge. Das erklärt, warum Navy-Strength-Abfüllungen im Laden oft teurer sind als schwächere Varianten derselben Marke. Historisch nutzte die britische Marine noch eine andere Zählweise, den sogenannten Proof-Grad. 100 Proof nach britischer Zählung entsprachen ungefähr 57,1 Prozent Vol., fast genau der heutigen Navy-Strength-Marke. Die USA verwenden bis heute eine eigene Proof-Skala, bei der 80 Proof genau 40 Prozent Vol. entsprechen. Wer amerikanische Angaben liest, muss die Zahl deshalb halbieren, um die europäische Prozentangabe zu erhalten.