Verkosten in der Region Burgund

An einem Gevrey-Chambertin

Verkosten

Ein Glas Gevrey-Chambertin, schräg gegen einen weißen Hintergrund gehalten, verrät am dünnen Rand sofort sein Alter. Pinot Noir ist nie sehr dunkel, selbst ein kräftiger Grand Cru bleibt hell genug, dass man durch das Glas hindurch die Ränder eines Fingers erkennen kann. Jung schimmert der Rand kirschrot. Nach zehn, fünfzehn Jahren wandert die Farbe ins Ziegelrote, manchmal fast Orange.

Riech zuerst ins ruhige Glas, dann noch einmal nach kräftigem Schwenken. Beim ersten Mal kommt meist rote Frucht hoch, Kirsche, Himbeere, manchmal Walderdbeere, weil diese leichten Duftmoleküle am schnellsten verdunsten. Nach dem Schwenken folgt, was schwerer und langsamer aufsteigt: feuchtes Laub, Pilz, ein Hauch Leder. Bei älteren Weinen kommt sogar etwas dazu, das Kenner „sous-bois“ nennen, Waldboden nach Regen.

Im Mund überrascht guten Pinot Noir vor allem eines: wie leicht er wirkt und wie lange er trotzdem bleibt. Das Tannin ist meist samtig statt kantig, die Säure dagegen ist deutlich spürbar und hält den Wein aufrecht, selbst wenn wenig Alkohol oder Fülle dahintersteht. Wer nur kräftige, tanninreiche Rotweine kennt, hält einen guten Burgunder beim ersten Schluck oft für zu dünn. Doch der Nachgeschmack bleibt minutenlang stehen und beweist am Ende das Gegenteil.

Der eigentliche Reiz liegt im Vergleich. Stell zwei Gläser nebeneinander: einen einfachen Dorfwein und einen Premier Cru von demselben Winzer und derselben Ernte, gewachsen oft nur wenige Hundert Meter Luftlinie auseinander. Schmeck den Unterschied. Mehr Tiefe, mehr Spannung, ein längerer Abgang, obwohl Traube und Kellerarbeit vollkommen identisch waren. Genau das meinen Burgunder, wenn sie von Climats statt bloß von Lagen sprechen.

Bei weißem Burgund lohnt derselbe Vergleich. Ein Chablis riecht oft nach grünem Apfel, Zitrusschale und einem rauchig-steinigen Ton, den man „Feuerstein“ nennt, während ein junger Meursault eher butterig, nussig und deutlich breiter wirkt. Beide sind reinsortiger Chardonnay, beide aus Burgund. Der Unterschied liegt allein in Boden, Klima und der Hand im Keller, nicht in der Traube.

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