
An einem Rosé
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Nimm ein Glas Rosé aus der Provence und halte es schräg gegen ein weißes Blatt Papier. Was du siehst, ist blasser, als die meisten erwarten. Die Erzeugerorganisation der Region hat dafür sogar eine eigene Farbtafel mit vierzehn Tönen entwickelt, von Sable und Litchi über Pfirsich und Lachs bis zu Kirsche und Granat. Ein typischer Côtes de Provence liegt meist am hellen Ende dieser Skala.
Riech zuerst, ohne zu schwenken. In der Ruhe kommen oft Zitrusnoten nach oben, Pomelo vor allem, dazu weißer Pfirsich. Schwenke dann, und ein zweites Bild öffnet sich: rote Waldbeeren, manchmal eine Spur Fenchel oder Thymian. Das sind Kräuter der Garrigue, des duftenden Buschlands, das rund um viele Weinberge wächst und seinen Geruch in heißen Sommern förmlich in die Luft schickt.
Im Mund achte auf die Säure zuerst, denn sie trägt hier fast das ganze Gewicht. Ein Rosé aus Cinsault und Grenache hat kaum Tannin, das raue Gefühl am Zahnfleisch, das man von Rotwein kennt. Dafür hat er einen Biss, der den Wein trotz seiner Leichtigkeit nicht dünn wirken lässt. Fehlt diese Säure, schmeckt der Wein schnell nach süßem Wasser.
Der Abgang eines guten Rosés ist kurz, aber klar, meist drei bis fünf Sekunden. Länger sollte man bei diesem Stil auch nicht erwarten. Ganz anders ein Bandol-Rotwein mit viel Mourvèdre: Dort dominiert das Tannin, dunkle Frucht und ein Hauch Wildkräuter treten dazu. Der Abgang zieht sich über zwanzig Sekunden und länger.
Wer beide nebeneinander probiert, versteht die ganze Provence in zwei Gläsern. Den hellen, kühlen Rosé von der Küste und den dunklen, langlebigen Roten aus dem kargen Hinterland von Bandol — zwei Extreme, die derselbe Landstrich gleichzeitig hervorbringt.