
Große Kelche, viel Luft
Gläser
Cahors und Madiran gehören zu den tanninreichsten Rotweinen Frankreichs, und genau deshalb brauchen sie beim Einschenken mehr Raum als die meisten anderen. Ein weiter, hoher Kelch mit großer Öffnung bringt möglichst viel Wein mit Luft in Kontakt. Das genügt oft schon. Diese Luft weicht die harten Gerbstoffe spürbar auf, noch bevor der erste Schluck im Mund landet.
Ein enges Glas dagegen verschärft bei Tannat das Problem, das er ohnehin schon hat: Es bündelt Alkohol und Tannin auf der Zungenspitze, statt beides zu verteilen. Das schmerzt fast. Wer keinen bauchigen Bordeaux-Kelch besitzt, hilft sich mit dem größten Glas im Schrank und einer kräftigen Schwenkbewegung vor dem ersten Schluck.
Bei der Temperatur gilt für beide Rotweine dieselbe Regel wie fast überall: sechzehn bis achtzehn Grad, nie die zu warme Zimmertemperatur heutiger Wohnungen. Bei über zwanzig Grad wirkt das Tannin in einem Madiran geradezu staubig, während die Frucht im Hintergrund verschwindet. Ein junger Madiran profitiert außerdem stark vom Dekantieren, eine gute Stunde vor dem Servieren. Genau dieses Problem der harten Tannine löste in den Neunzigerjahren ein Winzer aus Madiran mit einer eigenen Kellertechnik.
Jurançon moelleux verlangt das genaue Gegenteil: ein kleineres, tulpenförmiges Glas und eine kühlere Temperatur von acht bis zehn Grad. Zu kalt serviert, schmeckt der Süßwein nach nichts als Zucker. Kaum der Mühe wert. Zu warm, drängt sich der Alkohol vor und erschlägt die feine Aprikosen- und Honignote, die Petit Manseng erst nach Jahren voll entwickelt.
Und noch etwas unterscheidet die beiden Welten: die Füllmenge. Weniger ist mehr. Ein Cahors bekommt bis zur breitesten Stelle des Kelchs Platz, gut hundertfünfzig Milliliter. Ein Jurançon moelleux dagegen wird nur zu einem schmalen Drittel eingeschenkt — bei diesem intensiven Süßwein reicht ein kleines Glas für einen ganzen Abend.