
Kirsche, Myrte, Salz
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Nimm einen Cannonau und halt das Glas gegen ein weißes Blatt Papier. Die Farbe ist meist ein dichtes, warmes Rubinrot, seltener so hell wie beim toskanischen Sangiovese, dafür fast nie so dunkel wie ein Cabernet. Am Rand bleibt die Farbe erstaunlich lange kräftig. Das ist ein Hinweis auf den hohen Alkohol, der die Farbstoffe im Glas stabil hält.
Riech zuerst, ohne zu schwenken, dann noch einmal. Im ruhigen Glas kommt meist reife, fast eingekochte Kirsche nach oben, dazu ein Hauch Zimt. Nach dem Schwenken folgen die Kräuter der Macchia: Rosmarin, Thymian und vor allem Myrte, jener Strauch, aus dem man auf der Insel auch den Likör Mirto herstellt. Wer diesen Duft einmal erkennt, findet ihn immer wieder.
Im Mund merkst du als Erstes die Wärme. Der Alkohol liegt fast immer über dreizehn, oft über vierzehn Volumenprozent, und er trägt den ganzen Wein, vorausgesetzt, genug Frucht und Tannin halten dagegen. Ein schwacher Cannonau fällt sofort auf. Er schmeckt dann nur nach Alkohol, ohne die Kirsch- und Kräuternoten, die einen guten von einem mittelmäßigen unterscheiden.
Wechsle danach zu einem Vermentino di Gallura, und der Unterschied fällt sofort auf. Statt Wärme spürst du Salz, fast wie eine leichte Brise vom Meer, dazu Zitrusschale und manchmal einen Hauch Mandelblüte. Diese Salzigkeit kommt nicht wörtlich aus dem Gestein. Der karge, durchlässige Granitboden der Gallura ist aber der Umweg, über den sie am Ende doch im Glas landet.
Am Schluss zähl mit, wie lange der Geschmack bleibt. Bei einem einfachen Wein sind es wenige Sekunden, bei einem sorgfältig gemachten Cannonau della Riserva oft zwanzig oder mehr. Diese Länge lässt sich im Keller nicht schummeln. Sie entscheidet am Ende, welcher Wein von der Insel bleibt und welcher vergessen wird.