
Salz braucht Form
Gläser
Ein Glas verändert, wie ein Wein schmeckt, weil es steuert, wie viel Luft dazukommt und wohin der Duft steigt. Im Wallis macht das besonders bei den weissen Sorten einen Unterschied. Viele von ihnen spielen mit Säure und einem salzigen Unterton, den ein falsches Glas entweder verstärkt oder komplett verschluckt.
Bei der Petite Arvine zeigt sich das am deutlichsten. Ihr Duft nach Mango und Grapefruit sitzt hoch oben im Glas, ihr salziger Abgang dagegen ganz am Gaumen, und ein zu weites Glas lässt beides auseinanderfallen. Besser ist ein schmalerer, leicht nach innen gezogener Kelch, der den Duft bündelt, bevor er entweicht. Serviert wird sie bei zehn bis zwölf Grad, kühler als die meisten Weissweine, aber nicht eiskalt, sonst schmeckt man das Salzige gar nicht mehr.
Der Fendant braucht das Gegenteil. Er ist absichtlich still, ohne viel Aroma, dafür ehrlich zu seinem Boden. Ein grosses, bauchiges Glas würde ihm nur Leere zeigen, die gar nicht da ist. Ein einfacher, mittelgrosser Kelch bei acht Grad reicht völlig, kalt genug für seine Frische, nicht so kalt, dass er stumm wird.
Bei den roten Sorten kehrt sich das wieder um. Cornalin und die kräftigeren Syrah-Weine aus dem Wallis haben festes Tannin, den rauen Belag, den man nach einem Schluck am Zahnfleisch spürt. Sie brauchen ein weiteres Glas mit mehr Fläche, damit sich das Tannin an der Luft abrundet. Serviert werden sie bei sechzehn bis achtzehn Grad. Ein junger, noch kantiger Cornalin gewinnt oft mehr durch eine halbe Stunde in der Karaffe als durch jedes Schwenken im Glas.
Eine eigene Regel gilt für den Vin des Glaciers, den Walliser Gletscherwein aus dem Val d'Anniviers. Weil er absichtlich oxidativ reift, jahrelang in halbleeren Lärchenfässern hoch über dem Talboden, schmeckt er nach Nuss, getrockneter Frucht und leicht bitterer Schale statt nach frischer Beere, ähnlich wie ein alter Sherry. Serviert wird er in kleinen Gläsern. Ein Fingerbreit reicht, denn dieser Wein will gekostet werden.