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Aqua vitae: Wie kam das Brennen nach Europa?

Alchemie und Arznei

Aqua vitae: Wie kam das Brennen nach Europa?

Das Brennen kam über Alchemie und Heilkunde nach Europa: Gelehrte destillierten im Mittelalter Wein zu „aqua vitae“, Lebenswasser, und nutzten es als Arznei. Als Genussmittel setzte sich der Branntwein erst viel später durch.

Wer hat das Schnapsbrennen erfunden?

Am Anfang stand eine Technik, die mit Getränken wenig zu tun hatte. Beim Destillieren wird eine Flüssigkeit erhitzt, die aufsteigenden Dämpfe werden aufgefangen und abgekühlt, bis sie wieder flüssig sind und abtropfen. Weil Alkohol früher siedet als Wasser, enthält das Destillat mehr Alkohol als die Ausgangsflüssigkeit und dazu einen Teil ihrer Aromen. Dieses Prinzip nutzten Gelehrte lange für Duftwässer, Pflanzenauszüge und für die Versuche der Alchemie, der Vorläuferin der Chemie.

Wann und wo zum ersten Mal Wein zu Branntwein destilliert wurde, ist nicht sicher geklärt. In Büchern und im Netz kursieren Namen einzelner Erfinder und genaue Jahreszahlen, doch belastbar belegt sind sie meist nicht. Seriös beschreiben kann man nur den groben Rahmen: Im Mittelalter wurde Wein in Gelehrtenkreisen, in Klöstern und in Apotheken destilliert, und das Ergebnis diente als Arznei. Wer eine Geschichte mit einem einzigen Erfinder und einem exakten Datum liest, sollte deshalb vorsichtig sein.

Alambic und Alkohol: was die Wörter verraten

Einen Hinweis auf den Weg des Wissens geben die Wörter selbst. Das französische „alambic“, im Deutschen Alembik, bezeichnet bis heute die Brennblase, etwa beim „alambic charentais“ des Cognac oder beim „alambic armagnacais“. Sprachforscher führen das Wort auf das arabische „al-anbīq“ zurück, das wiederum vom griechischen „ambix“ für ein Gefäß abgeleitet wird. Im Namen des Geräts stecken also zwei Sprachen und mehrere Jahrhunderte Gelehrsamkeit.

Ähnlich verschlungen verlief der Weg beim Wort Alkohol. Laut Wahrig-Herkunftswörterbuch stammt es vom arabischen „al-kuhl“, einem feinen Antimonpulver, mit dem man die Augenlider schwärzte. In der Alchemie wurde daraus allgemein etwas sehr Feines und später die „Essenz“ eines Stoffes. Erst in der frühen Neuzeit wanderte das Wort zum Weingeist, also zum Alkohol aus Wein. Für berauschende Getränke allgemein setzte es sich sogar erst im 19. Jahrhundert durch.

Die Wörter erzählen von einem langen Austausch über Sprachen und Kulturen hinweg. Einen einzelnen Erfinder liefern sie nicht, und das ist vermutlich die ehrlichste Antwort auf die Frage nach dem Ursprung.

Was bedeutet aqua vitae?

Lateinisch „aqua vitae“ heißt Lebenswasser. Der Name verrät, wofür das Destillat gedacht war: als stärkende Arznei, die man in kleinen Mengen einnahm oder mit Kräutern versetzte. Daneben findet sich der Ausdruck „aqua ardens“, brennendes Wasser, weil sich das Destillat anzünden ließ. In der Gascogne hieß es „aygue ardente“. So steht es in einer Schrift des Priors Vital Dufour von 1310, die meist als ältester Beleg für Branntwein in Frankreich zitiert wird.

Das Lebenswasser lebt in vielen heutigen Namen weiter. Im Französischen heißt jeder Brand „eau-de-vie“, das skandinavische Akvavit trägt das lateinische Wort fast unverändert im Namen, und aus dem gälischen „uisge beatha“ wurde über Umwege das Wort Whisky. Das deutsche Branntwein dagegen beschreibt den Vorgang selbst: Wein, der gebrannt wurde. Das niederländische „brandewijn“ meint dasselbe und wurde zum Vorfahren des englischen „brandy“.

Vom gebrannten Wein zum Brand von heute

Warum ausgerechnet Wein? In den Klöstern und Städten des Mittelalters war Wein der greifbarste Rohstoff mit Alkohol: lagerfähig, verbreitet und in Fässern leicht zu bewegen. Wie sich daneben das Brennen von Obst, Trester und Getreide entwickelte, ist von Region zu Region sehr unterschiedlich belegt. Die folgenden Stationen dieser Reise folgen den Spuren, für die es Quellen gibt, von der Gascogne über die Charente bis in den Schwarzwald.

Das alte Wort Branntwein meinte lange jedes Destillat. Heute ist es ein Rechtsbegriff mit engerer Bedeutung. Die EU-Spirituosenverordnung 2019/787 versteht unter „Branntwein“ (Kategorie 4) ausschließlich ein Destillat aus Wein, Brennwein oder Weindestillat mit mindestens 37,5 % vol. Das Alltagswort Schnaps kommt in der Verordnung gar nicht vor. Wenn alte Texte von Branntwein sprechen, ist also nicht automatisch das heutige Weindestillat gemeint.

Vom Heilmittel zum Genussmittel war es ein langer Weg, und die Grenzen verschwimmen über Jahrhunderte. Viele Versprechen aus alten Arzneibüchern halten heutigem Wissen nicht stand. Alkohol wirkt als Zellgift, und ein Brand ist heute ein Genussmittel, das man in Maßen trinkt oder ganz weglässt, keine Medizin.

Kurz unterschieden

Aqua vitae
Lateinisch für Lebenswasser: im Mittelalter Name für destillierten Alkohol als Arznei, kein Rechtsbegriff und keine heutige Kategorie.
Branntwein
Früher Wort für jedes Destillat; heute nach EU-Recht nur ein Destillat aus Wein mit mindestens 37,5 % vol (Kategorie 4).
Eau-de-vie
Französisch für Brand allgemein; steht vor Obst-, Wein- oder Cidre-Destillaten und übersetzt das alte aqua vitae.
Schnaps
Umgangssprachliches Sammelwort für Spirituosen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, keine Kategorie der EU-Verordnung.

Dazu im Lexikon

Cognac und Armagnac im LexikonWhisky und die Reifung im FassAmaro: Kräuter, Alkohol und Bitterkeit
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