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1310: Vital Dufour und die 40 Tugenden des Armagnac

Gascogne im Mittelalter

1310: Vital Dufour und die 40 Tugenden des Armagnac

Als ältester Beleg für Branntwein in Frankreich wird meist eine Schrift von 1310 zitiert: Vital Dufour, Prior von Eauze in der Gascogne, pries darin 40 Tugenden der „aygue ardente“, des brennenden Wassers, auf das sich der Armagnac heute beruft.

Wer war Vital Dufour?

Eauze ist eine kleine Stadt im heutigen Département Gers und gilt als Hauptort des Armagnac. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts war Vital Dufour dort Prior, also Vorsteher einer geistlichen Gemeinschaft. Nach Angaben des Armagnac-Branchenverbands wurde er 1313 von Papst Clemens V. zum Kardinal erhoben. Ein Brennmeister war er demnach nicht, sondern ein gebildeter Geistlicher, der aufschrieb, was man zu seiner Zeit über das Destillat zu wissen glaubte.

Seine Schrift trägt sinngemäß den Titel eines sehr nützlichen Buches, um die Gesundheit zu erhalten und in guter Verfassung zu bleiben. Der Verband gibt an, das Manuskript werde seit dem 14. Jahrhundert in den Archiven des Vatikans aufbewahrt. Auch das Lastenheft der heutigen Appellation Armagnac, das amtliche Regelwerk der Herkunftsbezeichnung, greift die Schrift auf: Maître Vital Dufour beschreibe darin die 40 Tugenden der „aygue ardente“.

Was steht in der Schrift von 1310?

Die 40 Tugenden sind keine Verkostungsnotizen, sondern medizinische Versprechen. Laut Armagnac-Verband soll das brennende Wasser, mit Maß getrunken, Leberleiden heilen und Kopfschmerzen vertreiben, besonders solche, die von einer Erkältung herrühren. Die Schrift richtet sich an Menschen, die gesund bleiben wollen, und behandelt das Destillat wie ein Heilmittel aus der Apotheke.

Solche Aussagen spiegeln das Wissen ihrer Zeit. Die mittelalterliche Medizin dachte in Wärme und Kälte, in Säften und ihrem Gleichgewicht. Ein Mittel, das wärmt und auf der Zunge brennt, schien gegen kalte Leiden zu helfen. Heute weiß man, dass Alkohol die Leber schädigt und keine Krankheit heilt. Die Schrift von 1310 ist deshalb ein Dokument der Medizingeschichte, aber kein Ratgeber.

Für die Geschichte des Brennens ist sie trotzdem wertvoll. Sie zeigt, dass es in der Gascogne zu Beginn des 14. Jahrhunderts ein Destillat aus Wein gab, dass man ihm einen eigenen Namen gab und dass Gelehrte darüber schrieben. Wer heute auf einer Flasche oder in einer Broschüre von siebenhundert Jahren Armagnac liest, bezieht sich auf genau diese Schrift. Eine ununterbrochene Linie bis zum heutigen Erzeugnis beweist sie allerdings nicht.

Wichtig ist auch, was die Schrift nicht belegt. Sie beschreibt ein Destillat und seine angebliche Wirkung, sie verrät aber nichts über Brenngeräte, Rebsorten oder Reifung. Ob das damalige Destillat einem heutigen Armagnac ähnelte, weiß niemand. Das Lastenheft nennt die Schrift als Beschreibung; dass sie der älteste Beleg in Frankreich sei, ist eine verbreitete Einordnung, die sich auf Sekundärquellen stützt.

Warum wurde in der Gascogne früh gebrannt?

Die Gascogne liegt im Hinterland von Bordeaux, und das hatte Folgen für den Weinhandel. Das Lastenheft des Armagnac nennt das „Privilège de Bordeaux“ von 1373: Wein aus dem Hinterland durfte erst nach Weihnachten über den Hafen von Bordeaux verschifft werden. Die Erzeuger rund um Bordeaux kamen so zuerst an den Markt. Ein Destillat dagegen hält lange, braucht weniger Platz und verliert durch Warten nicht an Wert.

Später wurden niederländische Händler zu wichtigen Abnehmern; das Lastenheft nennt sie für das 17. und 18. Jahrhundert. Sie kauften Brand für den Norden Europas, wie sie es auch an der Charente taten. Wie der Armagnac zu seinem besonderen Brennverfahren kam, der Kolonne, erzählt die Station über die Industrialisierung des Brennens.

Von der Heilschrift zum geschützten Herkunftsnamen

Rechtlich greifbar wurde der Armagnac erst Jahrhunderte später. Ein Dekret vom 25. Mai 1909 grenzte das Gebiet und seine drei Unterzonen ab: Bas-Armagnac, Armagnac-Ténarèze und Haut-Armagnac. Heute umfasst die Appellation Gemeinden in den Départements Gers, Landes und Lot-et-Garonne. Zugelassen sind zehn Rebsorten, darunter Ugni blanc, Folle blanche, Colombard und Baco blanc. Zwischen der Heilschrift und dem geschützten Namen liegen also rund sechshundert Jahre.

Wer Armagnac heute einordnen will, vergleicht ihn am besten mit dem Nachbarn Cognac. Beide sind französische Weindestillate mit Herkunftsschutz, beide reifen in Eiche. Der Cognac wird aber zweimal in der Brennblase gebrannt, der Armagnac überwiegend einmal und ohne Unterbrechung in einer Kolonne. Mindestens ein Jahr Eiche schreibt der Armagnac vor, der Cognac zwei. Mehr zu beiden steht im Lexikonartikel zu Cognac und Armagnac.

Kurz unterschieden

Aygue ardente
Gascognisch für brennendes Wasser; so nennt die Schrift von 1310 das Destillat, auf das sich der Armagnac beruft.
Armagnac
Weindestillat aus Gers, Landes und Lot-et-Garonne, meist einmal kontinuierlich in der Kolonne gebrannt, mindestens 1 Jahr Eiche.
Cognac
Weindestillat aus der Charente, nur zweifach im Charentaiser Kessel gebrannt, mindestens 2 Jahre in Eiche gereift.

Dazu im Lexikon

Cognac und Armagnac im LexikonWas Eichenfässer mit einem Brand machen
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