
Alkohol und Gesundheit
Ist ein Schnaps am Tag gesund? Was die Forschung heute sagt
Nein, nach heutigem Stand gibt es keine Alkoholmenge, die der Gesundheit sicher nützt. Das WHO-Regionalbüro Europa erklärte 2023, dass keine Menge unbedenklich ist, und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät seit 2024, auf Alkohol zu verzichten. Das gilt für Obstbrand wie für Wein.
Ein Gläschen in Ehren: Woher kommt der Glaube?
Ein Gläschen in Ehren kann niemand verwehren, sagt der Volksmund. Lange schien die Wissenschaft das zu bestätigen. Beobachtungsstudien fanden, dass Menschen mit geringem Alkoholkonsum im Schnitt seltener an Herz-Kreislauf-Leiden starben als Menschen, die nie tranken. In Grafiken ergab das eine Kurve in Form eines J, und das maßvolle Trinken sah wie ein Schutzfaktor aus.
Auch Brände bekamen ihren Anteil an diesem Ruf. Mal sollte der Kräuterschnaps das Herz stärken, mal der Obstler den Kreislauf anregen, mal das Kirschwasser nach dem Essen den Magen beruhigen. Ältere Menschen erzählen gern von Großeltern, die mit ihrem täglichen Stamperl steinalt wurden. Solche Geschichten sind menschlich verständlich. Als Beweis taugen sie nicht, denn von den Großeltern, die früh krank wurden, erzählt niemand.
Warum die J-Kurve heute umstritten ist
Kritiker weisen auf einen Fehler in vielen älteren Auswertungen hin. In der Gruppe der Nichttrinker steckten oft Menschen, die aus Krankheitsgründen aufgehört hatten. Sie zogen den Durchschnitt der Abstinenten nach unten, und die maßvollen Trinker wirkten im Vergleich gesünder. Dazu kommt, dass Menschen, die gelegentlich ein Glas trinken, häufig auch sonst gesünder leben, sich mehr bewegen und bessere Lebensumstände haben.
Neuere Analysen, die solche Verzerrungen berücksichtigen, finden den Schutzeffekt meist nicht mehr oder nur noch schwach. Einzelne Forscher halten die Debatte für nicht abgeschlossen und warnen vor allzu pauschalen Botschaften. In einem Punkt sind sich die großen Fachgesellschaften aber einig: Niemand sollte anfangen zu trinken, um seine Gesundheit zu verbessern.
Was WHO und Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfehlen
Im Januar 2023 veröffentlichte das Regionalbüro Europa der Weltgesundheitsorganisation in der Fachzeitschrift The Lancet Public Health eine klare Stellungnahme: Für Alkohol lasse sich keine Menge benennen, die für die Gesundheit unbedenklich ist. Begründet wird das vor allem mit dem Krebsrisiko. Alkohol ist als krebserregend eingestuft und mit mehreren Krebsarten verbunden, und eine Schwelle, unter der dieses Risiko verschwindet, ist nicht bekannt.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, kurz DGE, hat im August 2024 nachgezogen. Sie hat ihren früheren Orientierungswert für eine tolerierbare Alkoholmenge zurückgezogen und empfiehlt, alkoholische Getränke zu meiden. Wer trotzdem trinkt, soll vor allem große Mengen und Rauschtrinken vermeiden. Kinder, Jugendliche, Schwangere und Stillende sollen gar keinen Alkohol trinken.
Das bedeutet nicht, dass jedes Glas sofort krank macht. Es bedeutet, dass das Risiko mit der Menge steigt und dass es keinen Bereich gibt, in dem Alkohol als Medizin wirkt. Wer trinkt, tut es also aus Genuss, nicht für die Gesundheit.
Obstbrand, Cognac, Grappa: Ist manche Spirituose gesünder?
Für die Gesundheit ist es gleichgültig, ob der Alkohol aus einem Kirschwasser, einem Cognac oder einem Bier stammt. Entscheidend ist die Menge reinen Alkohols. Ein Brand mit 40 Prozent enthält davon in jedem Schluck viel, auch wenn das Glas klein ist. Die Frucht im Obstbrand ändert daran nichts, die Holzreife beim Cognac auch nicht, und ein hoher Preis ebenso wenig.
Werben darf ein Brand ohnehin nicht mit Gesundheit. Die EU-Verordnung über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben von 2006 verbietet solche Aussagen bei Getränken mit mehr als 1,2 Prozent Alkohol. Ein Kräuterschnaps, der früher als Magenmittel verkauft wurde, darf heute nicht mehr so beworben werden. Wer Brände schätzt, genießt sie als das, was sie sind: Genussmittel mit Risiko. Wer den Geschmack sucht und den Alkohol nicht, findet inzwischen auch alkoholfreie Destillate.