
Tulpe statt Stamperl
Welches Glas für Obstbrand, Cognac und Grappa?
Für Obstbrand, Grappa und Cognac eignet sich am besten ein kleines Tulpenglas mit Stiel: Der bauchige Kelch sammelt den Duft, die verengte Öffnung lenkt ihn zur Nase. Der große Cognacschwenker sieht festlich aus, lässt aber viel Alkoholdampf aufsteigen und überdeckt feine Fruchtaromen.
Welches Glas für Obstbrand? Die Tulpe schlägt das Stamperl
Das klassische Schnapsglas, in Bayern und Österreich Stamperl genannt, hat gerade Wände und kaum Luft über der Flüssigkeit. Es ist zum Kippen gemacht. Für einen Brand, dessen Wert im Duft liegt, ist es das falsche Werkzeug, denn die Aromen verfliegen über den breiten Rand, bevor die Nase sie einfangen kann.
Besser ist ein Tulpenglas, oft auch Edelbrandglas oder Obstbrandglas genannt. Es hat unten einen bauchigen Kelch, verjüngt sich nach oben und öffnet sich am Rand manchmal leicht nach außen. Im Kelch sammeln sich die verdunstenden Aromastoffe, die enge Öffnung bündelt sie. Der Stiel sorgt dafür, dass die Hand den Brand nicht ungewollt erwärmt.
Gefüllt wird so ein Glas nur zu einem kleinen Teil. Über dem Brand soll Raum bleiben, in dem sich der Duft sammeln kann. Zwei Zentiliter reichen für eine Probe. Glashersteller argumentieren zudem, dass ein ausgestellter Rand die Flüssigkeit zuerst auf die Zungenspitze lenkt, wo Süße und Frucht früh wahrgenommen werden. Ob man das so deutlich schmeckt, ist individuell. Dass die Tulpe den Duft besser zeigt als das Stamperl, merkt dagegen fast jeder sofort.
Cognacschwenker oder Tulpe: welches Glas für Cognac?
Der Cognacschwenker, auch Ballonglas genannt, ist das Glas aus unzähligen Filmszenen. Er hat einen weiten, runden Kelch, den man mit der ganzen Hand umfasst, und eine vergleichsweise große Öffnung. Die Idee dahinter: Die Hand wärmt den Brand, die große Oberfläche lässt ihn atmen.
Genau das wird beim Verkosten oft zum Nachteil. Aus der großen Oberfläche steigt viel Alkoholdampf auf, der die Nase betäubt und feinere Noten überdeckt. In Fachverkostungen sind deshalb schlankere Tulpengläser verbreitet, für Cognac gern mit etwas größerem Kelch. Darin zeigen sich Weinaromen, Trockenfrucht und die Vanille aus dem Eichenfass klarer.
Für Weinbrand, Armagnac und Calvados gilt dasselbe. Alle drei sind holzgereift und vertragen ein Glas mit etwas mehr Volumen als ein zarter Himbeergeist. Wer den Schwenker liebt, muss ihn nicht verbannen. Er sollte ihn aber nur wenig füllen und nicht zu lange in der warmen Hand halten.
Grappa-Glas: warum schmal und mit Stiel
Grappa ist ein Tresterbrand, gebrannt aus den vergorenen Schalen und Kernen der Trauben, die nach dem Keltern übrig bleiben. Ein junger Grappa ist farblos und duftet nach Traube, Blüten und manchmal nach Kräutern. Für ihn haben italienische Glasmacher eine eigene, sehr schlanke Tulpe mit langem Stiel entwickelt, die den Duft eng bündelt.
Gereifter Grappa, der als „invecchiata“ mindestens zwölf Monate oder als „riserva“ mindestens 18 Monate im Holz gelegen hat, darf ein Glas mit etwas weiterem Kelch bekommen. Er nähert sich im Duft dann den Weinbränden an. Für Marc aus Frankreich, Orujo aus Spanien oder Tsipouro aus Griechenland gilt dieselbe Faustregel: farblos und jung im schmalen Glas, holzgereift im etwas bauchigeren.
Nosing-Glas, Weißweinglas, Probierglas: was zu Hause reicht
Niemand braucht für jede Brandart ein eigenes Glas. Ein universelles Nosing-Glas, ursprünglich aus der Whiskywelt, oder ein kleines Weißweinglas mit Stiel erfüllt fast alle Aufgaben. Professionelle Prüfer greifen oft zum genormten Verkostungsglas nach ISO 3591, das eigentlich für Wein entwickelt wurde, sich aber auch für Brände eignet.
Wichtiger als die genaue Form ist die Sauberkeit. Ein Glas, das nach Spülmittel, Geschirrtuch oder Schrank riecht, verfälscht jeden Brand. Viele spülen es deshalb vor der Probe kurz mit klarem Wasser aus und lassen es abtropfen. Gekühlt wird das Glas nicht, sonst beschlägt es und hält den Duft zurück. Wer mehrere Brände vergleicht, nimmt für alle das gleiche Glas, damit nur der Brand den Unterschied macht.