
Martinique und die Krise
Wie entstand der Rhum agricole? Die Zuckerkrise 1884–1896
Rhum agricole verbreitete sich, als die Zuckerpreise in der Krise von 1884 bis 1896 einbrachen. Viele Pflanzungen auf Martinique gaben das Zuckerkochen auf und brannten den frischen Zuckerrohrsaft direkt zu Rum. Einzelne Saftrums sind schon Anfang des 19. Jahrhunderts belegt.
Warum brach der Zuckerpreis Ende des 19. Jahrhunderts ein?
Auf Martinique wurde ab etwa 1640 Zuckerrohr angebaut, 1639 hatte ein gewisser Trezel das Monopol für die Zuckerherstellung erhalten. Über zwei Jahrhunderte lebte die Insel vom Zucker, und wie überall auf den Antillen beruhte das auf Sklavenarbeit. Rum entstand dabei aus Melasse, als Nebenprodukt der Zuckerfabriken.
Im 19. Jahrhundert bekam der Rohrzucker einen mächtigen Konkurrenten. In Europa wuchs die Zuckerrübe, und Rübenzucker wurde in großen Fabriken immer billiger. Nach dem Ende der Sklaverei 1848 stiegen auf den französischen Inseln zugleich die Kosten der Arbeit. Als der Weltmarkt Ende des Jahrhunderts mit Zucker überschwemmt war, fielen die Preise so tief, dass viele Pflanzer ihren Zucker nicht mehr kostendeckend verkaufen konnten.
Vom Zuckerhaus zur Brennerei: Was die Pflanzer änderten
Die Antwort vieler kleiner und mittlerer Pflanzungen war radikal einfach. Statt den Saft stundenlang zu Zucker einzukochen und nur die Melasse zu brennen, vergoren sie den frischen Saft, auf Kreolisch vesou, und brannten ihn sofort. Das sparte die teure Zuckerfabrik und brachte ein Getränk, das sich in Frankreich gut verkaufte. So wurde aus einer Ausnahme in der Zuckerkrise von 1884 bis 1896 ein eigener Stil.
Der Saft verdirbt innerhalb kurzer Zeit, darum musste die Brennerei direkt neben dem Feld und der Mühle stehen. Gebrannt wurde in einer Säule, die aus der französischen Technik für Rübenalkohol abgeleitet war und als colonne créole, kreolische Säule, bekannt wurde. Daneben arbeiteten die großen Zuckerfabriken weiter und brannten Melasserum, den rhum de sucrerie. Beide Rumarten gibt es auf den französischen Inseln bis heute.
Saint-Pierre 1902: größter Rumproduzent der Welt und Katastrophe
Am Ende des 19. Jahrhunderts war Martinique mit über 220 000 Hektolitern Rum bei 55 Prozent Alkohol der größte Rumproduzent der Welt. Zentrum des Handels war die Hafenstadt Saint-Pierre im Nordwesten der Insel, mit Brennereien, Lagerhäusern und Handelshäusern.
Am 8. Mai 1902 brach der Vulkan Mont Pelée aus. Eine Glutwolke zerstörte Saint-Pierre innerhalb weniger Minuten, rund 28 000 Menschen starben. Mit der Stadt gingen ein großer Teil der Rumwirtschaft im Norden und viele Handelshäuser unter. Der Schwerpunkt der Branche verlagerte sich danach in andere Teile der Insel.
Im Ersten Weltkrieg stieg die Nachfrage aus Frankreich stark an, auch für die Versorgung der Armee. Danach schützte Paris die eigenen Brenner: 1922 wurde ein Einfuhrkontingent für Rum von den Antillen eingeführt. 1938 folgte die erste analytische Rumdefinition, die einen Mindestgehalt an Aromastoffen neben dem Alkohol vorschrieb und bis heute die Grundlage bildet.
Von der Notlösung zur AOC Rhum de la Martinique
Aus der Antwort auf eine Krise wurde mit der Zeit ein Qualitätsmerkmal. Mit dem Dekret vom 5. November 1996 erhielt Martinique die kontrollierte Ursprungsbezeichnung AOC Rhum de la Martinique, bis heute die einzige AOC für Rum. Sie schreibt frischen Saft, kurze Gärung und die kreolische Säule vor. Die Einzelheiten stehen im Thema Herkunft und Recht.
Rechtlich darf in der EU nur Rum aus den französischen Überseedepartements und von Madeira das Wort agricole tragen. Saftrums aus Mauritius, Haiti oder Thailand folgen zwar derselben Idee, dürfen hier aber nicht so heißen. Guadeloupe brennt neben Rhum agricole weiterhin viel Melasserum. Die Geschichte erklärt also, warum Agricole bis heute vor allem ein französisches Wort ist.